Trans-Iberico nach Lissabon

Irun (Golf von Biskaya), 7.8.1974, 6.00 Uhr

Seit sechs Stunden, also die ganze Nacht, hänge ich schon auf dem franz.-span. Grenzbahnhof. Der Schnellzug Marseille-Irun, mit dem ich gestern Abend mit einstündiger Verspätung in Lourdes abgefahren bin, kam über Pau, Bayonne, Biarritz so unglücklich hier an, dass der letzte Zug nach Madrid mir vor der Nase wegfuhr. So habe ich denn die Nacht auf dem Bahnhof Irun herum gelungert. Die Uhr mußte ich um eine Stunde vorstellen, da Spanien Sommerzeit hat. So läßt sich auch erklären, warum es trotz 6.15 Uhr immer noch finstere Nacht ist (Anm.: in Irun enden alle Züge, da Spanien eine andere Spurbreite hat).

Um 9.15 Uhr, also in drei Stunden, werde ich mit einem Talgo-Zug dann nach Madrid fahren. „Talgo-Züge“ heißen in Spanien die superschnellen Züge. Um 15.20 Uhr heute Nachmittag bin ich dann einen halben Tag später als geplant in Madrid-Chamartin. Trotzdem werde ich heute Abend mit dem Lusitania-Express nach Lissabon fahren. Nach drei Nächten im Zug werde ich mich dann drei Nächte im Hotel erholen.

Madrid, den 7.8.74, 21.00 Uhr: Nach einer wunderbaren, abenteuerlichen „Odysee“ per Bahn bin ich hier in Madrid am 17.00 Uhr eingetroffen. Von Irun aus bin ich bis Miranda de Ebro gefahren. Talgo-Züge sind Luxuszüge, vollklimatisiert, Bar, Musik und sehr leise. Um 12 Uhr bin ich Hals über Kopf aus dem Zug in Miranda raus und in den Zug nach Madrid rein. (Mitreisende hatten mir rechtzeitig mitgeteilt, dass der Zug nach Sevilla und nicht nach Madrid fahre).

Skizze von spanischen Mitreisenden – führte leider in die Irre

Dort habe ich einem Pfarrer kennen gelernt, und obwohl er kein Wort Deutsch und ich kein Wort Spanisch sprach, haben wir uns prächtig „unterhalten“.

Man kann sich kaum vorstellen, wie wunderschön die Landschaft Nord- und Zentralspaniens ist! Sie erinnert an die Wüste von Arizona. Je näher nach Madrid der Zug fuhr, umso hügeliger wurde es. Am El Escorial vorbei erreichte der Zug schließlich Madrid Principe Pio. Der Lusitania-Express sollte meines Wissens nach aber von Madrid-Chamartin abfahren. Ratlos, ungeduldig wegen der Gluthitze, stieg ich schließlich in eine U-Bahnstation hinab. Mit viel Zeichensprache gelang es einer Senorita mir zu zeigen, wie man zum Bahnhof Chamartin am anderen Ende der Stadt gelangt. Nach 50 Minuten dort angelangt, sagte man mir, daß zwar abends jener Lusitania-Express nach Lissabon führe, aber nicht von hier, sondern von Atocha, dem letzten der drei großen Madrider Bahnhöfe. Ab gings, wieder per Metro, nach Atocha, wo ich gegen 21.00 Uhr ankam. Dort habe ich mir gleich einen Platz reservieren lassen, was einschl. Zuschlag 172 Pst kostete (ca. 7 DM).

Hier verlasse ich das Tagebuch und stütze mich auf die Erinnerung, blass wie sie geworden ist. Denn es kam zu einer sagen wir denkwürdigen Begegnung. Mit mir im Abteil saß ein drahtiger Amerikaner, der auf dem Weg von Florenz zu Freunden in Lissabon war. Wir unterhielten uns prächtig, er zeigte mir ein Mitbringsel: eine Miniaturversion von Michelangelos David, gut und bruchsicher verpackt. Er war der erste Ami, den ich im Leben traf, und ich war stolz, wie gut mein Englisch passte.

Wir kamen pünktlich nach Sonnenaufgang im Bahnhof Santa Apolonia an. Lissabon war in heller Aufregung, die neue politische Freiheit lag buchstäblich in der Luft. Nur ein Zimmer war nicht zu bekommen. So nahm ich das Angebot meines Reisegefährten an, mit ihm nach Cascais zu fahren. Er habe dort ein Hotelzimmer reserviert. Wir nahmen ein Taxi zum Bahnhof Cais do Sodre und sprangen in den nächsten Vorortzug nach Cascais. Ich habe keine konkreten Bilder im Kopf, aber das Hotel war luxuriös (so was kannte ich überhaupt nicht). Er hatte eine Verabredung zum Mittagessen, und wollte vorher duschen. Er bot mir das Gleiche an und erwähnte, dass sein Sinn nach edlen Männern stünde. Ich solle das aber ignorieren. Das war mir dann doch zu unheimlich. Ich bat ihn mich zu entschuldigen. Er war extrem traurig und wollte gern, dass ich zum Lunch bleibe. Ich bat ihn um Verständnis und verließ das Hotel Richtung Bahnstation Cascais – fast fluchtartig. Weiter im Tagebuch:

Lissabon, 8.8.1974: … Am Nachmittag bin ich wieder zurück nach Lissabon gefahren, mit der Taxe zum Bahnhof Rossio (quer durch die Stadt für 1 Mark). Dort im Touristikbüro hat man sich um ein Zimmer bemüht, nichts, ohne Erfolg! Schließlich fand man in dem kleinen Dorf Mem Martins die Bahnhofsgaststätte. Für drei Nachte 16 DM Einzelzimmer, allerdings ohne Frühstück! Und auf eben diesem Zimmer sitze ich nun, und schreibe dies.

Fassade des Bahnhofs Rossio (Lissabon), März 2002

Der kleine Ort liegt 30 km von Lissabon, an der Bahnstrecke nach Sintra. Alle 20 Minuten fahren Zuge nach Lissabon (Fahrtdauer 40 Minuten). So nun will ich schlafen! Denn ich habe die drei letzten Nächte nur im Zug verbracht. Morgen werde das schöne Lissabon sehen! Boa noite!

Blick auf die Alfama, die Altstadt von Lissabon (Dezember 1999)

Lissabon, 9.8.74: Es gibt Leute, die behaupten, Lissabon sei die schönste Stadt der Welt. Nachdem was ich ich heute gesehen und erlebt habe, bin ich geneigt, dem zuzustimmen. Um 8 Uhr heute morgen bin ich mit dem Zug nach Lissabon gefahren. Vom Bahnhof Rossio aus, wo alle nationalen Strecken zusammenlaufen, habe ich mich per Pedes auf den Weg zum Castelo de S. Jorge gemacht, dies ist eine alte Burg hoch über Lissabon gelegen: man hat einen in der Tat unbeschreiblichen Blick auf die Bucht und fast die gesamte Stadt. Durch die malerische Altstadt Alfama, als einzige von dem großen Erdbeben im 18. Jahrhundert verschont geblieben, ging ich zum Dom in dem Vasco da Gama seine letzte Ruhestätte gefunden hat.

Grab Vasco da Gamas ist im Mosterio dos Jeronimos in Bélem (März 2002)

Einen kleinen Antiquitäten-Laden entdeckte ich in einer Seitengasse. Dort habe ich mir für ganze 5 DM eine sehr schöne, große Feldflasche gekauft, so daß ich diverse Flüssigkeit in Zukunft immer am Mann habe, wie man beim Bund sagt.

Um 13.00 Uhr bin ich hinunter zum Hafen gegangen und habe mich mit der Taxe zum dortigen Bahnhof Cais do Sodre bringen lassen, von wo die Züge raus nach Belém abfahren.

Belem ist der wohl sehenswerteste Stadtteil von Lissabon. Er liegt direkt unten an der Tejo-Mündung, die dort von der gewaltigen Ponte Salazar überspannt wird, auf einem Hügel gegenüber steht eine über 100 m hohe Christus-Statue. Mit ausgebreiteten Armen empfängt sie die Schiffe aus aller Welt, die den Hafen von Lissabon anlaufen.

Hier findet man außerdem das Denkmal der Entdecker, daß an die große Zeit Portugals im 16. Jahrhundert erinnern sollen. Gegenüber, umgeben von einem wundervollen Park, liegt das Kloster Dos Jeronimos. Das eigentliche Wahrzeichen von Lissabon ist der Turm von Belém, der, direkt am Ufer gelegen, als letzter die Seefahrer grüßt, die auf große Fahrt gehen (Titelfoto: Torre de Belem von der KI-generiert, im Stil Picassos).

Um 16.00 Uhr bin ich zurück ins Zentrum gefahren. In einem Straßencafe der Avenida da Liberdade, der Champs Elysees von Lissabon, habe ich mein tägliches kühles Blondes zu mir genommen, auf das ich gerade hier im heißen Süden nicht verzichten möchte. Danach gings zurück hier in die Pension in Mem Martins.

Beitrag aus Reiners.blog zu Portugal und meinen Erinnerungen an den August 1974

Portugal. Zeitreise – Gestern oder Morgen. 4.7.2022


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