Sie kommen in den vergangenen Jahren immer häufiger: die Zeitenwenden, mit denen der Status-quo über den Haufen geworfen wird. Es sind meist Revolutionen rückwärts.
Februar 2027, Oktober 2023, Februar 2022 und dann – vor zehn Jahren – doppelt 2016. Der Brexit im Juni war gerade verdaut, da kam der 8. November: Präsidentschaftswahlen in den USA.

Am Mittwoch, dem 9.11. morgens hatten wir keine Zeit die eingehenden Ergebnisse aus den US-Bundesstaaten zu verfolgen. Wir mussten früh zum Flughafen nach Hannover. Meine Frau flog zum Familienurlaub mit der Enkelin auf die Kanaren, ich saß parallel im Flieger nach München. Von dort ging es mittags nach Delhi weiter. Es war der letzte Urlaub in meinem Arbeitsleben, das pünktlich zu Silvester jenen Jahres endete.
Lufthansa hatte als Neuerung Live TV im Flieger eingeführt, so konnte ich via CNN die Wahlergebnisse verfolgen. Im Landeanflug auf Delhi um Mitternacht indischer Zeit stand fest: der neue Präsident wird der Mann aus dem Trump Tower in Manhattan. Wie üblich im quirligen Alltag Indiens blieb nach der Ankunft in Delhi keine Zeit für politische Reflexionen.
Die indische Regierung hatte zwei Tage zuvor ihre eigene Zeitenwende angekündigt: Vorgeblich um die Unmenge von Schwarzgeld im Umlauf trocken zu legen, kündigte der Premierminister an, dass über Nacht viele alte Banknoten ungültig und neue ausgegeben würden. Die Konsequenzen für meine Reise nach Südindien und später nach Assam waren erheblich. Aber wie gesagt, ich hatte diese Meldung unmittelbar vor Abreise nur mit halber Aufmerksamkeit verfolgt. In Delhi waren die ATMs schon gesperrt, aber ich hatte noch eine 1.000 Rupien-Note von der Reise ein paar Monate zuvor dabei. So jedenfalls beruhigte ich mich.
Ich musste für meinen nächtlichen Weiterflug nach Chennai (ein sogenannter Red Eye flight) zum Domestic Terminal wechseln. Ohne Kleingeld für Taxi oder A/C-Bus war ich auf den kostenlosen Shuttle-Service angewiesen, mit einem Bus aus den späten 1980er Jahren: ein wenig zur Seite hängend, steile Stufen am Einstieg und offene Fenster. Statt kühler Nachtluft kam ein unerträglicher Smog in den Bus – Delhi litt unter der schlimmsten Luftverschmutzung seit Jahrzehnten (noch eine Zeitenwende?). Ich erreichte verstaubt und zerzaust das Terminal und gab mein Gepäck für den Chennai-Flug ab.
Jenseits der Sicherheitskontrollen, kurz vorm Boarding und schon im Halbschlaf (es muss so 3 Uhr morgens gewesen sein), wurde ich per Durchsage zum Schalter gerufen. Dort sagte man mir, in meinen Gepäck seien beim Röntgen verbotene Gegenstände aufgefallen. Ich rätselte was das sein könnte: Mein Koffer wurde vor meinen Augen durchsucht und man fand einen Satz mit sechs Mignon-Batterien. Sie sollten mir als Vorrat dienen, auf dem Weg in eine entfernte Gegend des östlichen Himalaya. Mit freundlichem Bedauern wurden sie konfisziert.
Bei der Landung im frühmorgendlichen Chennai brannten meine Augen immer noch von der Luft in Delhi. Ein Fahrer, den ich aus Pondicherry bestellt hatte, wartete am Ausgang und so fuhren wir durch die aufgehende Sonne drei Stunden an der Coromandel-Küste entlang in die ehemalige französische Kolonialstadt.
Pondicherry: Savoir-vivre in Indien. Full Circle, 25.9.2023
Das Hotel, ein wunderbarer Kolonialbau in der White Town, gab mir das Zimmer schon früh. Eine Dusche, ein kurzer Schlaf und ich konnte meine Besuche beginnen. Zuerst meinen Sohn, der in Pondicherry lebte und arbeitete, später indische Kollegen, von denen ich mich wegen des anstehenden Ruhestandes verabschieden wollte.
Als Cash zum Problem wurde. Reiners.blog, 26.5.2023
Ich erfuhr, dass die Hauruck-Währungsreform zu allem möglichen Chaos geführt hatte. Das neue Geld war noch nicht in den Automaten und auch die Banken gaben es nur in geringen Menge aus. Meine 1.000 Rupien-Note war für mich wertlos (mein Sohn konnte sie noch über sein Bankkonto verwenden). Ein indischer Kollege brauchte ab und an für Dienstreisen nach Europa cash und bot sich an, eine 50 €-Note gegen Rupien einzutauschen. Ansonsten war ich auf Kreditkarten angewiesen – aber wo, so meine Beunruhigung, würde man im äußersten indisch-chinesischen Grenzgebiet Amex akzeptieren? Meine Augen waren tatsächlich knallrot, aber Augentropfen halfen sie schnell zu beruhigen.
Aurobindo, Pondicherry und Karma. Full Circle, 2.7.2025
Aber eine weitere Nacht in Pondicherry und die Welt hinter dem Atlantik war schon mal vergessen. Die Stadt liegt unmittelbar am Meer, die Promenade ist tatsächlich eine. Die Sonne taucht aus grauem Himmel über dem Golf von Bengalen auf, erstes Licht fällt auf die Türme der Our Lady of Angels Church, die frühere Kirche der Franzosen.



Die Promenade ist so früh nur für Fußgänger und Jogger zugänglich, aber viele nutzen die Serenität des Morgens, um den Sonnenaufgang auf den Felsen der Uferbefestigung zu genießen. Meditieren ist immer noch eine indische Kunst, wohl notwendig im oft chaotischen, lauten Alltag.



Zwei Jahre zuvor hatte ich hier an der Promenade in Pondicherry mit Familie, Freunden und indischen Kollegen meinen 60. Geburtstag gefeiert. Was für ein Gewinn, in einer lauen Vollmondnacht im Garten eines Hotels am Meer zu feiern (und nicht in adventlicher Kälte daheim).


Die letzten drei Jahre meines Berufslebens endeten, wo sie 1983 begonnen hatten: in Südindien. Wenn es denn Karma gibt, dann ist dieser Kreislauf ein Beleg. Es wäre ein ganzes Buch wert, den Weg dorthin samt Umstrukturierungen im Verlagswesen über 25 Jahre zu skizzieren. Das hat übrigens ein Redakteur des britischen GUARDIAN getan, Alan Rusbridger.

Alan ist etwa mein Jahrgang (1954/1953) und er arbeitete als Redakteur beim GUARDIAN etwa über die gleiche Zeitphase wie meine als Redakteur (1992-2016/1995-2015). Im Buch „Breaking News“ beschreibt er die technischen und inhaltlichen Zwänge in einer Zeitungsredaktion. Auch wenn eine Wissenschaftszeitschrift damit nur wenig gemeinsam hat, so gibt es doch Parallelen.
Für mich endete das Berufsleben in einer Firma in Pondicherry, welche in optimierter Organisation und zu unschlagbaren Preisen die Seiten für den Druck meiner Zeitschrift produzierten. Aber mehr noch konnten die Inder eine Integration von Print und Online aus einer Hand liefern – mit mir aus dem Homeoffice in der niedersächsischen Provinz. Was 1992 dort mit Presseausweis, Assistentin und Bahncard 1. Klasse begonnen hatte, endete 25 Jahre später mit zehnstündigen Flügen nach Indien und Aufenthalten am Golf von Bengalen. Über 2014 hinweg verbrachte ich fast ein Viertel des Jahres in Pondicherry.
Tamil Nadu: Anfang und Ende vieler Dinge: NYT
Von 1992 bis 2016 sah ich berufliche „Zeitenwenden“ zuhauf, innerhalb des gleichen Jobs. Sie zu bewältigen oder gar proaktiv zu gestalten, hatte ich mir zur Aufgabe gemacht. Dass Südindien dabei eine Rolle spielte, wäre mir 25 oder 35 Jahre vorher nicht im Traum eingefallen.


Titelfoto: KI-bearbeiteter Frame aus einem Super-8-Film; 1976
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