Das Reha-Tagebuch November 2025

Einstieg: Das Taxi aus Haldensleben kam pünktlich zum Haus: Koffer und Gehilfen eingeladen und los gings über Braunschweig, die A2 und Landstraßen Richtung Nordosten. Die Klinik liegt jenseits der alten Zonengrenze in Sachsen-Anhalt und buchstäblich jenseits eines riesigen Waldstücks. Wie im Märchen: ein altes Schloss am See und auf der anderen Seite die neue Klinik. Ein Herbstmorgen wie im Bilderbuch: Nebel über Wald und Feld, die Sonne als fahler weißer Ball hinter Wolken und Laub in allen Farben. Ein förmlicher, aber herzlicher Check-in in der Klinik. Nur nach einigen Protesten bekam ich ein Einzelzimmer, in dem ich mich für den Rest des Tages einrichtete.

Ein Arzt aus dem Iran (er freute sich riesig, als ich sagte, das ich das Land vor 50 Jahren bereist hatte) und eine resolute Ärztin aus Osteuropa nahmen die ersten Untersuchungen vor. Diagnose war bekannt, Tests nur zur Bestätigung.

Fragebögen, Einweisung in die Räumlichkeiten und sich im Gewirr der Rollatoren und Rollstühle zurecht zu finden – zugegeben ein Kulturschock. Essen vom Buffet via Rollator ist für mich eine neue und durchaus entwürdigende Erfahrung. Ein Feeling wie im Altersheim für 85plus. Am Nachmittag erhielt ich den „Aktionsplan“ für den kommenden Tag. Erste Termine (Blutdruck, Voruntersuchungen für Therapien etc.) ab 7 Uhr. Das heißt der Wecker muss jetzt drei Wochen lang auf 6 Uhr gestellt werden.

Rest der ersten Woche: Der Kulturschock ist überwunden, der „Therapieplan“ bestimmt den Tagesablauf. So ab dem dritten Tag verlässt man mental den Rest der Welt und taucht in das „Universum von Alter und Gebrechlichkeit“ ein. Wären nicht die vielen jungen Therapeut(inn)en, man könnte glauben der Planet besteht nur aus alten Menschen (mich natürlich ausgenommen, hahaha).

Bei dem herrlichen Wetter Mitte der Woche habe ich einen kleinen Spaziergang, sagen wir 500 Meter, zum See gemacht, an dem das Wasserschloss und der Ort liegt: Wie im Märchen „hinter dem dunklen Wald wohnte einst ein Graf. Seine Untertanen siedelten um den See, der sein Schloss vor bösen Feinden schützte. Dann kam ein Investor und errichtete am anderen Ufer zwei große weiße Gebäude. Hier können wir Menschen aufnehmen, die heilungsbedürtig sind, hatte er versprochen. Und für viele wird es Arbeit geben.“ Ich denke er hat nicht zuviel versprochen.

Im Therapieplan steht alles, was das (Muskel)Herz begehrt: Ergotherapie – ich lerne Schreiben wie ein Erstklässler -, Physio in allen Varianten („Bei Ihnen liegt das Kind im Brunnen“ meinte eine resolute Therapeutin gleich am ersten Tag), Elektrostimulanz in allen Frequenzen, Therapie im hauseigenen Schwimmbad und was noch alles. So langsam ziehen die Muskeln ein wenig an. Klasse.

Die erste Chefarzt-Visite (ja, es ist mehr Krankenhaus als Wellness-Hotel) war super: „Sie sind der erste bei uns mit der seltenen Krankheit!“ Er beglückwünschte mich dazu, dass ich bislang die Koryphäen für das Krankheitsbild auf meiner Seite hatte – von Göttingen nach München und von Baden-Baden bis Hannover. Wie ich erwartet hatte, konnte er nicht versprechen, dass mein altes Lebensgefühl zurück käme – die Krankheit ist nicht heilbar. Aber er versprach das Bestmögliche zu tun. Hört man gern – Reha ist für meinen Fall der falsche Begriff: Bei mir ist nichts zu rehabilitieren, allenfalls zu habilitieren.

Drei Mahlzeiten am Tag (Zuhause gönne ich mir zwei), aber ich halte die Portionen im Auge: Buffet morgens und abends mit Brötchen, Käse (Wurst habe ich verbannt, obwohl die Platten hier häufig nachgefüllt werden müssen) und – für mich zum Kaffee unverzichtbar – Marmelade. Mittags Standard nach Wahl: Salate, von „Bunter Eisberg“ bis „Rote Beete“ mit Bekleckergefahr. Vom Hähnchengeschnetzeltes zum Schnitzel – dabei hatte mir die Ernährungsberatung am zweiten Tag empfohlen, Schweinefleisch zu meiden („entzündungsfördernd“). Aber in der ersten Woche hatte ich keine Wahl. Für die zweite Woche habe ich mir Besserung gelobt!

Ansonsten sind die Tage kurz, lange zu Schlafen ist ja überhaupt das Beste. Zum Glück habe ich den Laptop dabei. Den fahre ich nicht auf dem Rollator durch die Gegend, ansonsten ist er mein täglicher Begleiter. Gibt es eine Menschheit ohne Rollator? Ich glaube, ich muss mich bei der Heimkehr auf den Kulturschock rückwärts einstellen.

Zweite Woche: Nach einem Sonntag auf dem Bett (bei grau-kaltem Außenwetter) fing die zweite Woche mit dem täglichen Therapieplan an.

Für mich sah er um 7 Uhr Ergometertraining vor. Teufel: ohne Kaffee, direkt von der Dusche in den Geräteraum. Der Therapeutin sah man den Montagsblues an. Ein Wochenstart, wie man ihn sich eher albträumt.

Aber der Kreislauf kam in Schwung, das Frühstück wurde zum kurzen Zwischenspiel (sonst meine hochgeschätzte Hauptmahlzeit im Tageslauf Zuhause) und die Stromstöße danach regten meine Nerven an. Soweit, so sportlich. Der Ergo-Schreibkurs versetzt mich in die Rolle eines Erstklässlers – aber zum Glück sieht mich keiner so. Wir zeichnen mit Bleistiften Kringel nach, Blatt für Blatt. Dennoch: für die Finger eine gute Übung. Zusammen mit „Therapieknete“ kann man diese Ergo gut am Esstisch machen.

So langsam kenne ich die Gesichter der hier „Verschollenen“: Man wartet vor den Therapieräumen, begegnet sich im Speisesaal oder in den Liften und kommt sich auf den Fluren entgegen. Wie eine Kolonie von beräderten Lebewesen, die auf einem Planeten mit anderer Schwerkraft wandeln. Ich kann mir das in zehn Jahren so vorstellen: Statt der Therapeuten flitzen humanoide Roboter herum. Die meisten Therapien verlangen wenig manuelles Eingreifen der Therapeuten, mir erscheint das leichter zu Automatisieren als etwa einen Roboter im Haushalt oder bei der Pflege anzustellen. So wahrsage ich hier am 16.11.2025: Das wird – auch bei dem bekannten Pflegenotstand – sehr schnell Wirklichkeit werden. Wette: ab 2030!

Das ist ein Rob auf unserem Flur von der WordPress K.I., ca. 2030