Vom Tejo nach Nizza, in 36 Std.

Nachtexpreß, Lissabon-Paris, 12.8.1974, 8.15 Uhr: Die Sonne steht noch tief über Nord-Spanien, während der Schnellzug den Bahnhof Medina de Campo verläßt. Gestern abend um 19.30 Uhr habe ich Lissabon verlassen. Der Zug ist, eine Seltenheit in Südeuropa, ganz leer. So habe ich ein Abteil für mich allein, und konnte die ganze Nacht schlafen. An der portugiesisch-spanischen Grenze bin ich überhaupt nicht kontrolliert worden.

300 Escudos, das sind ca. 30 DM, habe ich noch überbehalten. Zum Vergleich: 3 Tage Paris 100 DM, 4 Tage Lissabon 100 DM!

Nun, was habe ich am letzten Tag in der portugiesischen Hauptstadt noch unternommen: Vom Bahnhof Rossio bin ich gegen 11.00 Uhr die wenigen Schritte hinüber zur Avenida de Liberdada gegangen, am sie kurz zu filmen. Auf der Suche nach einem Restaurant, habe ich ein sehr luxuriöses aufgespürt, in dem es aber auch anderes essen gab als Hummer and Muscheln. Auf der Suche nach einem Antiquitäten-Laden hingegen, den ich vorher schon gefunden hatte, war mir das Glück weniger hold. Ich habe den Stadtteil Alfama vergebens durchstreift. Dann mußte ich ja zum Bahnhof Santa Apolonia, um meinen Zug nach Hendaye zu erreichen.

Hendaye, 12.8.1974, 15.45 Uhr: Vor einer halben Stunden bin ich nach 20-stündiger ununterbrochener Fahrt in Hendaye, der französischen Grenzstation zu Spanien, angekommen. Nachdem ich die restlichen Peseten und Escudos gewechselt habe, bin ich ins Bahnhofsrestaurant gegangen, wo ich das erste seit gestern Mittag esse. In genau drei Stunden, um 18.50 Uhr verläßt der Schnellzug Hendaye-Rom, mit dem ich heute Nacht nach Nizza fahre, den Golf von Biskaya. Die nächsten Zeilen also morgen. (Titelbild: European night train in the 1970ies, KI-generiert)

21.30 Uhr: Der Zug hat gerade in Lourdes gestoppt. Mit 18 Wagen ist er der längste und schnellste Zug, in dem ich bis jetzt gefahren bin. Er braucht für die 1000 km Hendaye-Nizza gerade 13 Stunden. So, nun Gute Nacht und bis Morgen an der Cote d’Azur.

Nizza, 13. August 1974, 21.00 Uhr: Diese Reise gleicht immer mehr einem Traum! Soviel habe ich bis jetzt erlebt, daß es Zeit und Papier sprengen würde, wollte ich alles schriftlich dazu niederlegen. Doch der Reihe nach. Nach wundervoller Fahrt an der franz. Riviera entlang, kam der Zug um 8.00 Uhr in Nizza an. Der Tag begann nicht vielversprechend: eine Gepäckaufbewahrung, in Bahnhöfen immer mein erstes Ziel, fand ich nicht, erst recht nicht ein Zimmer. So wurde es Mittag.

People walking on a seaside promenade with palm trees and boats in the water near Hotel Negresco
People stroll along the sunny seaside promenade near Hotel Negresco in Nice, KI-generiert „im Stil von Renoir“.

Das sehr schwere Gepäck wurde ich dann Gott-sei-Dank los, und ich habe erstmal in Ruhe Mittag essen können. Ein Zimmer zu finden war mir plötzlich egal. Nach dem ich einige herrliche Filmaufnahmen gemacht hatte, war das Verlangen zum Baden in dem klaren, himmelblauen Wasser so groß, daß ich mich den ganzen Nachmittag am Strand gesonnt und im blauen, sehr warmen Meer geschwommen habe.

Und nun kommt das Dollste: Ich traf einen Kellner eines Strandrestaurants, dem ich schilderte, daß ich kein Zimmer habe. Nun, ich kann hier am Strand auf einer Liegepritsche schlafen. Bei der lauwarmen Nacht ein phantastisches Angebot. So liege ich denn heute Abend hier am Strand in der Bucht von Nizza. Hinter mir die glitzernde Stadt mit der hellerleuchteten Strandpromenade, vor mir das ganz leise Rauschen de Meeres. Bin gespannt, was der morgige Tag an Neuem bringt.

Nizza, Mittwoch, 14 August 1974, 10 Uhr: Die Nacht am Meer ist vorüber Ich habe einigermaßen gut – und umsonst – geschlafen. Heute morgen habe ich schon um acht Uhr ein Morgenbad genommen. Zur Zeit liege ich hier am Strand und lasse mich bräunen. Das gesamte Gepäck habe ich bei mir. In einer Stunde werde ich mich auf den Weg zum Bahnhof machen und nach Monaco fahren.

Monte Carlo, Monaco, 18.00 Uhr: Heute Mittag bin ich von Nizza die kurze Strecke nach Monte Carlo gefahren. In einer Stunde kann man das gesamte Fürstentum Monaco zu Fuß erforschen. Es herrscht, wie schon die ganze Woche, Gluthitze.

Pencil drawing of Monaco coastline with buildings, harbor, and mountains
A detailed pencil sketch capturing Monaco’s harbor and hillside cityscape. (KI-generiert!)

In einer Stand eine werde ich mit dem Schnellzug Cannes-Rom nach Rom fahren. Morgen früh um halb acht italienischer Sommerzeit, das ist 6.30 Uhr MEZ, werde ich in der ‚ewigen Stadt‘ ankommen.


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