Ab in die Euronights

Nachtzüge sind wieder modern. Vor mehr als 50 Jahren war das für mich eine Möglichkeit, Übernachtungskosten zu sparen – sagen wir zwischen Lissabon und Nizza. Was mich damals triggerte, allein, mit kleiner Reisetasche und himmelhohem Optimismus los zu ziehen, weiß ich heute nicht mehr. Die Enge eines winzigen Dorfes ohne Kirche und Kneipe? Oder der neue Horizont eines Abiturienten, der Bildungswerte wie einen trockenen Schwamm aufgesaugt hatte? Jedenfalls schreckten mich Gluthitze, Leben auf Bahnhöfen und in Zugabteils nicht ab – im Gegenteil.

Mein Sommermärchen begann Anfang August 1974. Damals war auch gerade WM, ja sie war im Juli glänzend für den Gastgeber Deutschland (West) ausgegangen. Irgendwie schien die Welt zukunftsgewandt: die Koalition aus SPD und FDP unter Kanzler Schmidt baute den Sozialstaat aus, in Paris wurden das Ende Vietnamkrieges und in Helsinki die Entspannung mit dem Osten verhandelt.

Ich war zu jener Zeit Neunzehn. In Hildesheim (Niedersachsen) leistete ich meinen Wehrdienst bei einer Panzerjäger-Einheit ab. Wahrlich kein Bildungserlebnis, jedenfalls nicht auf die klassische Art. Und dennoch bereicherte gerade das Überleben in einer von „maskulinen Werten“ geprägten Truppe meine Lebenserfahrung. Zudem machte der „Dienst“ körperlich fit.

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Zwischen Kaserne und Heimat war ich jedes Wochenende im Zug unterwegs. Bahnfahren, mit Rucksack durch Unterführungen zu abfahrbereiten Zügen rennen (die Bahnsteig-Schaffner waren meist tolerant, wenn sie uns Soldaten sahen und pfiffen erst, wenn die Waggontür zuknallte) – das wurde Teil des Alltags. Und so war für mich klar: In den zwei Wochen Urlaub im August, welche der Wehrdienst erlaubte, wollte ich per Interrail durch Europa fahren. Ich hatte vom Sold etwas Geld gespart und wochenlang Fahrpläne studiert (die musste man sich per Post zukommen lassen).

Interrail war damals noch neu. Überall an den Bahnhöfen hingen Plakate oder lagen Broschüren aus. Geh auf Entdeckungsreise! Das klang wie eine Aufforderung. Denn Grenzen wurden noch kontrolliert, Währungen mussten getauscht werden, moderne Kommunikation war nicht einmal zu erträumen. Postkarten mit Briefmarken ließen daheim Gebliebene wissen, wo der Reisende gerade (also vor 14 Tagen) war – alles heute nicht mehr vorstellbar.

Zudem waren Griechenland und Spanien noch Militärdiktaturen, Portugal hatte sich gerade von seiner befreit. Die EU gab es nur als Sechserpack, mit drei Neuen ein Jahr zuvor dazu gekommen (Dänemark, Irland und das UK).

Ich habe ein Vorwort zu meinen Reisenotizen geschrieben. Das stammt vom 14. Juli 1974, drei Wochen vor der Abreise, und fasst meine Motivation zusammen.

„Interrail – Jugend trifft sich in Europa“ – unter diesem Slogan steht eine Aktion der europäischen Eisenbahnen. Sie bietet Jugendlichen unter 21 die Möglichkeit, mit Hilfe einer Netzkarte per Bahn fast alle europäischen Länder und Marokko kennenzulernen. Diese Netzkarte – sie ist dem schmalen Geldbeutel von uns Jugendlichen angemessen für 250 DM zu haben – scheint ein Verkaufsschlager zu werden. Wer könnte schon dem Angebot widerstehen, vier Wochen zwischen Istanbul und Lissabon, Zwischen Helsinki und Neapel nach Belieben hin und her zu kreuzen?

Wirklich, im Zeitalter des Zusammenwachsens Europas ein praktischer Beitrag zur Völkerverständigung! Auch ich konnte dem „Ruf der Ferne“, der mich in der sommerlichen Reisezeit immer wieder packt, nicht widerstehen. Der Reiseplan ist im Groben fertiggestellt, die Ausrüstung (Schlafsack, Filmkamera) beisammen.

Die geplante Route verläuft über Paris, Madrid, Lissabon zurück nach Barcelona. Von dort am Mittelmeer entlang über Marseille, Nizza nach Rom. Auf der Heimfahrt streife ich dann Venedig, Mailand, Basel und Luxembourg. Nach 15 Tagen hoffe ich wieder in Siegen zu sein. Die 8.000 km lange Strecke werde ich während 8 Nachtfahrten überwinden, wobei die reine Fahrtdauer nahezu 100 Stunden betragen dürfte.

In drei Wochen also geht es los! Ob ich Zeit und Strecke ein halten kann, wo ich schlafen werden, wann und was ich essen werde, all das bleiben offene Fragen. Die folgenden Reisenotizen, die ich „live“ während der Fahrt niederschreiben werde, werden die Antworten geben!

Zu meiner Ausrüstung gehörten eine Schmalfilmkamera (der Film von 1974 ist leider unwiederbringlich verloren) und Bargeld in kleinen Scheinen. Luxemburgische, belgische, französische Francs, Peseten und Cruzeiros, Lira und Schweizer Franken – alles musste um- und rückgetauscht werden. Aber vor allem war ich ausgestattet mit einem Grundoptimismus: die Welt stand offen, sie wurde uns sogar geöffnet.

Mein Schulenglisch würde schon reichen, vielleicht half Latein bei den romanischen Sprachen. Umso mehr stürzte ich mich in das Abenteuer „Jugend in Europa“. Und so stand ich an einem Freitagabend, am 2. August 1974 am Bahnsteig im Siegerland und bestieg um präzise 21.40 Uhr einen Zug nach Köln.

Vierzehn Tage später war ich zurück, davon zwei Drittel der Nächte in Fernzügen. Und ich war auf dem Eiffelturm, unter Pilgern in Lourdes, am Torre de Belem, in Monte Carlo, auf dem Petersplatz und am Canale Grande. Zurück bei den Kameraden in der Kaserne gab es andere Prioritäten. Ich war inzwischen befördert worden. Ein wenig Extrasold tat da ganz gut. Und von der Cholera in Portugal hatte ich nichts bemerkt.

P.S.: Lieder gibt es von der Tour keine Fotos. Ich nutze daher zuweilen pexels.com oder KI-generierte Fotos und Bilder, um den Text aufzulockern.


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