Anm.: Das Titelfoto ist von der KI generiert
Der vielbeschworene weltweite Wandel bezieht sich meist auf Kultur und Gesellschaft. Er ist aber auch äußerlich sichtbar in den Straßen und Plätzen auf dem Globus. Mit Google Street View lassen sich fast alle Orte der Welt besuchen, ohne den Schreib-(in diesem Fall den Küchen-)tisch zu verlassen.
Es ist eine Art virtuelle Expedition, die Orte alter Fotos auf der modernen Google-Karte wieder zu finden. Und selbst wenn das gelingt, muss das Google-Auto mit der 360 Grad-Kamera auch möglichst genau die Perspektive meiner früheren Fotos getroffen haben. Das ist eher selten.
Ich habe trotzdem einige Beispiele aus Indien und Sri Lanka gefunden, die den äußeren Wandel illustrieren.
Beispiel 1: Chennai


Chennai, nahe Greater Chennai Corporation Office. Oben September 1979, unten Screenshot Google Street View 2026. Das obere Foto entstand vor unserer Lodge an der heutigen EVR Periyar Salai. 1979 fahren noch Rikshaws auf einer der Hauptadern der heutigen Millionenstadt, Kinder spielen am Straßenrand und Fußgänger nutzen die Straße.
Beispiel 2: Mattanchery (Kochi, Kerala)


Der Platz vor der Pepper Exchange/Jew Town Road 1979 (oben) und heute. Das Gewirr der Telefon- und Stromdrähte verdeckt immerhin nicht die Swastikas in den Fenstergittern (rechter Mittelgrund), die es auch 1979 schon dort gab.
Beispiel 3: Moschee am Hafen von Vizhinjam (Kerala)


Fischerhafen von Vizhinjam, südwestlich von Trivandrum/Thiruvanantapuram (Kerala): oben Juli 2000, unten Screenshot Google Street View, Foto von 2023 (beide durch KI leicht optimiert). Die Moschee steht auf einem Felsvorsprung über dem Meer. Wo im Jahr 2000 noch Stroh bedeckte Fischerhütten stehen und die Netze auf dem Weg getrocknet werden, breitet sich heute eine Kleinstadt aus.
Beispiel 3a: Altstadt von Galle (Sri Lanka)


Galle Altstadt, Church Street: Blick auf die All Saints Church: oben April 1993, unten Screenshot, Google Street View (2026; Foto 2021). Auf einer meiner Touren als Reiseleiter lag Galle auf der Route. Das Gebäude rechts ist verfallen und mit einem Sichtschutz verdeckt. Die Bauten auf der linken Straßenseite schauen 1993 nach besserem Zustand aus als heute (bzw. 2021).
Beispiel 3b: Galle (Sri Lanka)


Galle (Sri Lanka): oben Church Street aufgenommen von der Festungsmauer Richtung Norden, April 1993; unten Screenshot von Google Streetview, 2021. Hier sind Gebäude fachgerecht restauriert und die Straße ist mit Verbundpflaster gefestigt – dem Einfluss des Tourismus geschuldet. Die Fotos in 3a und 3b entstanden während der Corona-Pandemie, daher fehlen Touristen im Bild.
Beispiel 4: Melaka (Malaysia)


Zu Melaka/Malacca habe ich den Wandel im Stadtbild über mehr als 40 Jahre hier und in Reiners.blog dokumentiert. Das gilt auch für Georgetown (Penang), Kuala Lumpur und am meisten Singapur. Hier die Kreuzung Jalan Munshi Abdullah/Jalan Bendahara, mit Blickrichtung auf den Bukit China. 1979 war der Hügel mit den Tausenden chinesischer Gräber noch baumfrei.
Malacca: Megaprojekte auf Sand. Reiners.blog, 19.10.2017
Singapur – Wandel als Staatsräson. Reiners.blog, 16.11.2017
Kuala Lumpur: mit der S-Bahn zu Murugan. Reiners.blog, 2.3.2021
Penang – einst und jetzt. Reiners.blog, 14.12.2023
Beispiel 5: Pondicherry (Südindien)


Pondicherry, Chambre de Commerce: oben Sept. 1979 (Frame aus Super 8, KI-optimiert), unten aktuell: Screenshot Google Street View. Die Altstadt von Pondicherry ist nahezu vorbildlich restauriert. Was 1979 noch im Verfall schien, ist meist durch private Investoren mit Hilfe professioneller Restauratoren erhalten geblieben und wertet die Stadt als Touristenziel auf. 1979 steht noch ein alter Citroen an der Straße, unten deckt eine Wellblechverkleidung den Teil des Gebäudes ab, der gerade restauriert wird. Der Charme von 1979 ist dabei erst einmal verschwunden.
Pondicherry: savoir-vivre in Indien. Full Circle, 25.9.2023
Beispiel 6: Kolkata/Calcutta


Kolkata/Calcutta: oben Chowringhee vor dem Indian Museum, Sept.1977; unten Screenshot Google Streetview 2025 (KI-optimiert). Außer dem OM Tower (früher HQ von Tata Steel) gibt es keinen erkennbaren Vergleichspunkt. Die Chowringhee ist immer noch das Zentrum, jetzt mit Hochstraße und Baumbestand. 1977 konnte man zu Fuß mit einem Stück Wellblech auf dem Kopf entlang spazieren. Die Straßenbahn ist verschwunden, unter der Straße verläuft seit Anfang der 1980er Jahre die Nord-Süd-Line der U-Bahn.
Probier’s mal mit Calcutta! – Full Circle, 16.5.2023
Beispiel 7: Jaipur


Jaipur, Galta Tor: oben März 2004, unten Screenshot Google Street View 2024 (beide KI bearbeitet). Die Hauptstadt Rajasthans ist vom Tourismus geradezu überrollt. Was bei meinem ersten Besuch mit Familie im Dezember 1985 noch ein verschlafenes Nest war – Massentourismus Fehlanzeige – hat sich im Lauf der vier Jahrzehnte in eine riesige Metropole verwandelt.
Jaipur: Pink City in Falschfarben. Reiners.blog, 6.9.2025
Beispiel 7: Marine Drive Mumbai/Bombay


Mumbai, Marine Drive, Ecke VN Road: oben Dez. 2002, unten Screenshot, Google Street View, 2023 (beide KI bearbeitet). 2002 war das Drehrestaurant auf dem Ambassador Hotel noch neu (und die Fassaden an der Promenade leicht vernachlässigt), heute ist es umgekehrt.
Mumbai – nichts für Weicheier – Reiners.blog, 21.2.2021
Am dramatischsten ist der räumliche Wandel in den Touristenzentren der Berglandschaften. Darjeeling, Sikkim, aber auch die Hillstations im Süden und in Sri Lanka haben sich über vier Jahrzehnte bis zur Unkenntlichkeit verändert. Google Street View kann das nicht dokumentieren, da bauliche Veränderungen oder die Vegetation den Blick verbergen. Die ungeheure Steigerung des Inlandstourismus der neuen Mittelschicht in Indien (die zahlenmäßig mindestens die Gesamteinwohnerzahl der EU umfasst!) hat entlegene Regionen zu überlaufenen Destinationen verwandelt. Hier ist nichts mehr von der Abgeschiedenheit früherer Jahrzehnte zu finden.
War also früher alles besser? Was politischen und kulturellen Wandel betrifft sicher nicht. Vielleicht war der weniger aufgeregt und agressiv. Was räumlichen Wandel betrifft, da neige ich dazu die Frage mit „Ja“ zu beantworten. In Südasien war alles ein wenig morbide, aber hatte Charme: Panjim/Goa genauso wie Gangtok/Sikkim oder unsere Heimat 83-86 Kodaikanal. Dennoch hat auch der Tourismus eine positive Seite: Ohne ihn wären die Altstädte in Panjim oder Pondicherry, in Fort Cochin oder Georgetown (Chennai und Penang) sowie Malacca nicht so gut erhalten. Für den Overtourism können die Orte selbst nichts, eher seine Protagonisten.
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