Man sieht es dem 18.000 Einwohner Städtchen nicht an, dass es einmal gleichwertig mit Amsterdam oder Antwerpen eine große Rolle in der Vereinigten Ostindischen Handelsgesellschaft der Niederlande spielte.
History of Enkhuizen (Wikipedia, engl.)

Den Aufstieg verdanken Enkhuizen, ja die gesamten Niederlande einem jungen Mann, den es in die Ferne trieb und der darüber ein umfangreiches Buch schrieb: Jan Huygen van Linschoten. Das Buch samt umfangreicher Karten schlug in der Kaufmannsgesellschaft an Schelde, Maas und Ijsselmeer ein wie ein Blitz. In Enkhuizen waren wir gestern auf Spurensuche.

Die Kleinstadt liegt am Nordwestufer des Ijsselmeers, wir erreichten sie von Almere aus über den Markerwaarddijk. Im Stadtplan mit seinen markanten Befestigungsgräben lässt sich die Bedeutung heute noch erahnen.

Man muss sich 550 Jahre zurück versetzen: Der Aufstand der Niederländer gegen die Spanier hatte gerade erst hier und da begonnen. Unruhige Zeiten für eine katholische Familie in der kleinen Stadt. Der 16-jährige Jan Huygen hatte früh die Idee sich abzusetzen. Zwei ältere Stiefbrüder waren bereits in Spanien, ein guter Anlaufpunkt. „Da ich jung war und müßig in meinem Heimatland lebte, widmete ich mich manchmal dem Lesen von Geschichten und seltsamen Abenteuern, woran ich große Freude fand.“ schreibt er im ersten Kapitel seines Buches, das 30 Jahre später sein Heimatland und die Welt nachhaltig verändern sollte. „Mein Sinn neigte sich so sehr dazu, fremde Länder zu sehen und zu bereisen, um Abenteuer zu suchen, dass ich schließlich beschloss, meinen Wunsch zu erfüllen. So fasste ich den festen Entschluss, für eine Zeit mein Vaterland und meine Freunde zu verlassen (auch wenn es mich schmerzte). Doch die Hoffnung, meinen Wunsch zu verwirklichen, überwältigte meine Zuneigung und gab mir Trost, sodass ich die Sache anging, im Vertrauen darauf, dass Gott mein Vorhaben fördern würde. Nachdem ich diesen Entschluss gefasst hatte, nahm ich Abschied von meinen Eltern, die damals in Enkhuizen wohnten. Und da ich bereit war, mich einzuschiffen, begab ich mich zu einer Flotte von Schiffen, die sich damals bei Texel versammelten um mit dem Wind nach Spanien und Portugal zu segeln.“ (Übersetzung durch Chat GPT-5 aus der englischen Ausgabe von 1598). Jeder Interrailer kann das heute nachvollziehen.
Am 6. Dezember 1579 ging die Reise los, vier Wochen später kam er bei seinen älteren Brüdern in Sevilla an, lernte Spanisch und machte eine kaufmännische Lehre. Als König Philipp II. von Spanien im selben Jahr 1580 auch Portugal übernahm, versuchten die Brüder ihr Glück in Lissabon. Der Älteste, Willem, kannte den neu ernannten Erzbischof von Goa. Jan Huygen gewann dessen Vertrauen, wurde zum Privatsekretär des Erzbischofs ernannt und segelt im April 1583 mit ihm nach Indien. Später berichtet er:
Nach der Abfahrt von Lissabon (nachdem wir zuvor in Mosambik Station gemacht hatten), unternahmen wir eine der schnellsten und kürzesten Reisen, die seit langer Zeit je vollbracht worden war. … Am 30. September (1583) wurde der Erzbischof, mein Herr, mit großem Triumph in die Stadt Goa gebracht. Von den Herren und Vorstehern des Landes wurde er zur Kathedrale geführt, wo ein feierliches Te Deum gesungen wurde. Nach vielen Zeremonien und Gebräuchen geleiteten sie ihn in seinen Palast, der direkt bei der Kirche liegt.„




Im Jahre 1584 kehrten die Schiffe nach ihrer Beladung von Cochin wieder nach Portugal zurück, einige früher, andere später. Mein Bruder reiste damals, aufgrund seines Amtes auf dem Schiff, mit meinem Herrn in bestimmte Teile Indiens, um die Bräuche, Sitten, Früchte, Waren und den Handel dort kennenzulernen. Darüber werde ich noch berichten, so wie ich es selbst gesehen oder von glaubwürdigen Personen – Portugiesen wie auch Einheimischen – erfahren habe. Diese Dinge sind inzwischen auch schon weithin bekannt geworden, sowohl in unseren Nachbarländern wie England und Frankreich, die dort ebenfalls Handel treiben, als auch unter den Portugiesen selbst, die täglich dorthin fahren.
Das klingt nicht nach bewusster Spionage, eher abwiegelnd. Aber er hat wohl untertrieben. Sechs Jahre blieb er in Goa, sammelte alles, was an geographischen, landeskundlichen und nautischen Informationen über seinen Schreibtisch im erzbischöflichen Palais kam. Seine schon mit 16 Jahren erkennbare Neugier und Abenteuerlust konnte sich dabei voll austoben.
Im Jahr 1589 starb sein Chef auf einer Dienstreise nach Lissabon. Damit war auch Linschotens Dienst in Goa beendet und er machte sich auf den Weg zurück Richtung Portugal. Da war er gerade erst 26. Durch unglückliche Umstände wurde er für zwei Jahre auf die Azoreninsel Terceira verschlagen, erst 1592 kehrte er zurück nach Lissabon und wenig später in seine Heimatstadt Enkhuizen. 1595 heiratete er, bis zu seinem Tod 1611 war er Kämmerer der Stadt.
Biographie von Linschoten bei Wikipedia (Englisch; die deutsche Version ist extrem lückenhaft!)
Nach der Rückkehr publizierte er ab 1595 mit Hilfe eines Verlegers seine Notizen aus Goa. Notizen ist untertrieben, er hatte umfangreiche Karten und Berichte über den portugiesischen Asienhandel gesammelt, die in Goa über seinen Schreibtisch kamen. Das war verboten, da die Portugiesen eifrig über ihr Handelsmonopol wachten. Letzteres war aber schon Ende des 16. Jahrhunderts am zerbröckeln, weil einige Schiffskapitäne einer „privaten“ Provision auf die Waren für den König in Lissabon nicht wiederstehen konnten (siehe auch Hinweis unter Deutsche Biographie von 1883). Aufsehen erregten seine beiden Bände der „Itinerario„, die 1596 erschienen und schon 1598 in Englisch gedruckt wurden.


Das Werk war eine Offenlegung aller portugiesischer „Geheimnisse“: Handelsgüter, Geographie der Routen und Stützpunkte und detaillierte Karten. Linschoten gilt daher auch als berühmtester „Spion“ des 16. Jahrhunderts. Die Karte von Südostasien zum Beispiel ist so gut, dass sich aus ihr heute noch Orte z.B. auf der Malaysischen Halbinsel identifizieren lassen.


Im Ausschnitt (Schwarzweiß) ist nicht nur Malacca prominent markiert, sondern auch das noch unbekannte Sincapura, die Stadt Muar (am Fluss, der scheints die Halbinsel durchschneidet) und sogar das C. Rachado (Cabo Rachado, eine Enklave des Bundesstaates Melaka an der engsten Stelle der Meeresstraße).


An Kuala Lumpur dachte noch Niemand, auch wenn Solongor (Selangor) oder Sambilam (heute Negeri Sembilan) schon verzeichnet sind. Die senkrechte Linie rechts im Ausschnitt ist der präzise verortete Äquator!
Ich habe beispielhaft aus Linschoten’s Itinerario die Beschreibung Malaccas heraus gegriffen. Er selbst war nicht dort, aber seine Zusammenfassung ist präzise und faktisch korrekt. Sie ist aus einem Faksimile der englischen Ausgabe von 1598 per Sreenshots der pdf von Chat GPT-5 in lesbares Deutsch übersetzt worden!
Von der Stadt und der Festung Malacca
Malakka wird von den Portugiesen und den Einheimischen, den Malaien, bewohnt. Die Portugiesen haben dort eine Festung, so wie auch in Mosambik. Malakka gilt – neben Mosambik und Ormus – als einer der besten und gewinnbringendsten Handelsorte in ganz Indien. Es gibt dort auch einen Bischof, der dem Erzbischof von Goa untersteht. Malakka ist ein wichtiger Umschlagplatz für den Handel mit Indien, China, den Molukken (Gewürzinseln) und vielen anderen Inseln und Ländern in der Umgebung. Von dort fahren Schiffe nach China, zu den Molukken, nach Bengalen, Java, Sumatra, Siam (Thailand), Pegu, Coromandel und anderen Gegenden. Viele Schiffe kommen dorthin, laden ihre Waren aus, verkaufen, kaufen, tauschen und treiben regen Handel mit allen Ländern des Ostens.


In Malakka leben auch einige portugiesische Familien, allerdings nicht viele – vielleicht hundert Haushalte. Dennoch ist die Stadt voller Händler, die dort ihre Geschäfte machen. Schiffe, die nach China oder zu den Molukken unterwegs sind (oder von dort zurückkommen), nehmen in Malakka Wasser und frische Lebensmittel auf. Oft bleiben sie dort, bis die günstigen Monsunwinde einsetzen, um weiterzusegeln. Obwohl viele Waren von einem Ort zum anderen gebracht werden, wohnen nur wenige Portugiesen in Malakka. Der Grund ist, dass das Land zwar sehr gesund ist, aber das Klima für Einheimische und Durchreisende schädlich. Es gibt kaum jemanden, der dorthin kommt und eine Weile bleibt, ohne krank zu werden; und wenn jemand gesund bleibt und entkommt, gilt es als ein Wunder. Deshalb ist das Land in Verruf geraten, trotz seiner günstigen Lage und der Gewinnmöglichkeiten.


Doch durch Habgier und die gute Lage wagen es viele, dorthin zu reisen, und sie achten wenig auf die Gefahren. Deshalb kommen viele Händler nach Malakka aus allen Teilen Indiens. Das Land selbst bringt nichts hervor, sondern alle Dinge werden in großer Menge dorthin gebracht. Jedes Jahr kommt ein Schiff von Portugal, das ungefähr einen Monat vor allen Indienfahrern ausläuft. Dieses Schiff berührt Indien nicht (außer es fehlt an Trinkwasser, dann fährt es nach Mosambik), sondern wird in Malakka beladen und kehrt von dort wieder nach Portugal zurück. Es ist dabei meist doppelt so reich mit kostbaren Waren und Gewürzen beladen wie ein Schiff, das in Indien aufbricht.
Die Malaien von Malakka sagen, dass die Anfänge der Stadt nicht weit zurückliegen. (Tatsächlich erst um 1400, rj) Vorher gab es dort keine Stadt, sondern nur ein kleines Fischerdorf mit sieben oder acht Hütten. Fischer hielten sich dort auf wegen der gesunden Luft. Schließlich versammelten sich dort Fischer aus Pegu, Siam, Bengalen und anderen benachbarten Ländern. Sie beschlossen, eine neue Stadt mit eigener Verwaltung zu errichten, um sich von den umliegenden Orten zu unterscheiden und sich in allem anders zu zeigen als ihre Nachbarn.
Schon kurz nach Erscheinen der Itinerario rüstete ein Cornelius de Houtman eine erste niederländische Expedition nach Fernost aus. Sie umging die Straße von Malacca und erreichte Java durch die Sundastraße. Ohne Linschotens Buch wäre dieses Wagnis nicht zustande gekommen, 1602 wurde die VOC gegründet, die Vereenigde Oostindische Compagnie. Sie machte die Niederlande in den folgenden hundert Jahren zum reichsten Land Europas, ja der Welt. Eine der Anteilseigner und daher im „Aufsichtsrat“ der VOC war neben Amsterdam, Antwerpen oder Middelburg das kleine Enkhuizen. Ohne das Buch eines damals 33-Jährigen wäre dieser Erfolg nicht so leicht zustande gekommen!
Umso enttäuschender, dass weder Enkhuizen noch die Niederlande sein Vermächtnis feiern. In Deutschland werden Universitäten nach Größen wie Humboldt, Mercator oder von Liebig benannt, in Enkhuizen nur eine kleine Wohnstraße. Auf einer Wiese am alten Hafen hat man eine moderne Skulptur platziert, zwischen Hundekot und Taubenschiss.

Der Name Jan Huygen van Linschoten ist darauf kaum zu erkennen.
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