„Stell Dir vor …“ so beginnen oft Erzählungen von aufregenden Reisen oder Erlebnissen. Stell Dir jetzt einmal vor, Du bist abgehauen aus einem Land, das von kriminellen Banden (oder der eigenen Regierung) terrorisiert wird, aus einem Land, in dem sich Millizen mitten in Dörfern bekriegen, in dem Drohnen Dich und Deine Familie Zuhause bedrohen oder Du gegen Deinen Willen zum Kriegsdienst einberufen werden sollst.
Und dann stellst Du Dir vor, Du wachst in einem weichen Bett eines Designerhotels auf, Du hast eine warme Dusche in einem luxuriösen Bad mit flauschigen Handtüchern und Du kommst runter ans Frühstücksbuffet und kannst aus sechs verschiedenen Kaffee-Sorten wählen, frisches Gebäck, Eier, Obst fünf verschiedene Marmeladen, Schinken, Käse, vier Müsli-Sorten, Quark oder Joghurt dazu. Und dann setzt Du Dich an einen Tisch, über dem himmlische Lampenschirme ein weiches Licht verbreiten, große Fenster öffnen den Raum für die städtische Umgebung, JazzRock läuft im Hintergrund und das WLAN ist für jeden frei. Du musst glauben, Du seist im Himmel.
So muss es den Migrant(inn)en in unserem Hotel in Almere vorgekommen sein. Wir teilten es mit Menschen aus aller Welt, jung und alt, aus Eritrea und dem Irak, der Ukraine und dem Libanon, Monteuren aus Deutschland, Bildungsbürgern aus den USA, Franzosen und Belgiern. Alles versammelt im schicken Design einer namhaften US-Hotelkette. Selten begegneten sich die weltweiten Schlagzeilen in einem Raum und direkt am Buffet. Die niederländische Regierung zahlt Flüchtenden die Unterkunft in einem edlen Hotel, der Himmel muss da ganz nah erscheinen.



Aber eigentlich gilt dies für die Niederlande überall: Legionen von Windmühlen drehen sich auf den Poldern, überall um Dich herum spiegeln Gewässer den blau-weißen Wolkenhimmel eines Septembertages. Schwarz-bunte Kühe grasen auf saftigen Weiden, es gibt scheints mehr Fahrradläden als Apotheken und die Innenstädte haben komplette Wegsysteme für den Fahrradverkehr. Das einzige was stört sind Autos – in Deutschland unvorstellbar.


Der Käse hängt buchstäblich an der Decke, der Kaffee füllt Regale

Der Charakter der Innenstädte gleicht mehr Puppenstuben als modernem Wohnungskonzept, but thats the point: Die Niederlande leben noch heute von ihrem Goldenen Zeitalter des 17. Jahrhunderts. Und dort, wo sie dem Meer große Flächen Land abgerungen haben – wie der Flevoland-Polder samt der Stadt Almere (25 km östlich von Amsterdam), haben sie völlig neue Siedlungskonzepte entwickelt, in dem das Auto eine Nebenrolle spielt.




Unser Hotel war ein Mikrokosmos der modernen Niederlande: multikulturell, menschenfreundlich und tolerant. Das Hotelpersonal stammte wohl aus der Karibik, ein älterer Waiter hätte mit Saxophon dem guten alten Satchmo zum Verwechseln ähnlich gesehen. Wenn bei uns die Blauen an die Macht kommen, bitte ich in den Niederlanden um Asyl. Und dann gönne ich mir vielleicht an der Hotelbar ein Bier – auf Kosten der Regierung in Den Haag.

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