Fatehpur Sikri – gescheitertes Experiment

Neue Hauptstädte werden auch noch heute mitten in der Provinz gegründet, etwa NayPyiTaw in Myanmar oder Nusantara (Borneo/Indonesien). Erst entstehen Paläste, Parlamente und Prachtstraßen, irgendwann folgen Beamte, Diplomaten und eher selten Bürger. Dafür sind die neuen Städte zu steril.

Aktuell: neue Hauptstadt für Ägypten. South China Morning News, 9.6.2025

So war es in Indien auch im späten 16. Jahrhundert: Im Norden des Subkontinents hatte sich die Macht des Mogulkaisers Akbar (= „der Große) zwischen Kabul, Varanasi und Surat etabliert. Delhi, dann Agra und später noch Lahore wurde zu prächtigen Residenzen der islamischen Herrscher über Hindustan. Die Roten Forts, Grabmäler und gigantische Moscheen ziehen noch heute Touristenmassen an.

Roter Sandstein: Baumaterial der Mogulherrschaft

Es brauchte eine neue Hauptstadt, auf dem flachen Land nahe Agra: Fatehpur Sikri sollte in Architektur geschlagene Abbildung der Herrschaft werden. Das ging daneben. Im Gegensatz zu den übrigen Mogulresidenzen ist seine „Hauptstadt“ verlassen. Nur wenig mehr als 30 km westlich von Agra gelegen ist Fatehpur Sikri eher ein Dorf. Dabei sollte es nach 1569 Vorzeige-Projekt des „Großen“ sein: Akbar war ein toleranter Herrscher, Muslime, Hindus, Jains, Sikhs und sogar Christen sollten unter einem Dach der Toleranz zusammen leben. Eine neue Hauptstadt nahe der Residenz in Agra würde das auch baulich dokumentieren. Die – heute würde man sagen – signature projects wurden zwischen 1569 und 1571 hochgezogen – aus dem selben roten Sandstein der nahegelegenen Aravalli-Kette wie in Lahore und Delhi. Der Herrscher samt Hofstaat zog von Agra herüber. Pech nur, dass es zu wenig Wasser gab (so jedenfalls eine gängige Hypothese). Nach 14 Jahren verließ der Tross die Stadt und zog nach Lahore. Fatehpur Sikri verfiel (in einen Dornröschen-Schlaf).

Nicht viel los: an der Dorfstraße in Fatehpur Sikri 1985
Eintritt 1985

Wer heute das „Goldene (Tourismus-) Dreieck“ Delhi-Agra-Jaipur bereist, mag leicht an Fatehpur Sikri vorbei fahren. Im Dezember 1985, auf einer großen Rundreise mit unseren Kindern vom Kap Komorin bis an den Rothang Pass in Himachal Pradesh und zurück, lag die verlassene Stadt noch im Schlaf. Verfall allenthalben, Müll, Ziegen und fliegende Händler für eine Handvoll Touristen, das war alles. 1986 erst wurde die Mogulresidenz in das UNESCO-Welterbe übernommen und systematisch restauriert und für die Besucher herausgeputzt. Heute ist es Ziel von Touristenmassen mit Bussen und Autos.

Bilder oben: vier Ansichten aus 20 Jahren vom Diwan-i-Khas, der Audienzhalle Akbars

Ich habe die verlassene Stadt noch weitere Male besucht und die Verbesserungen beobachtet: sogar Blumenbeete wurde angelegt – die Mogulkaiser liebten Blumengärten (man kann sie heute noch in Kashmir sehen).

Ein absolutes Kleinod ist das aus weißem Marmor gebaute Mausoleum des Salim Chisti im Innenhof der großen Moschee (Jama Masjid): Die Durchbruchsarbeiten aus Marmor „(jalis) gehören zum Kunstvollsten, was Menschenhände je hervorgebracht haben“ schreibt Wikipedia.

Fatehpur Sikri war Hybris pur. Aber eine schöne. Und wer sich Fotos von den neuen Hauptstädten unserer Zeit ansieht, der wundert sich nicht mehr über die Mogulzeit und die Fehleinschätzung vor 450 Jahren.

Fatehpur Sikri bei Wikipedia


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