Eine gute Fahrstunde östlich von uns wird die Welt so ungewöhnlich wie auf einer Reise nach Madhya Pradesh oder in die La Mancha. Das ist nicht despektierlich gemeint. Wo trifft man sich am Pfingstmontag für ein Softeis oder eine Pulle Bier am Kiosk einer Fähranlegestelle? Wo gibt es noch Preise für Pferdegespanne und Sattelzug auf einem Schild?

Man mag sich bei der Winzigkeit der Fähre gar nicht vorstellen, wenn beide zugleich hinüber wollen.

Und wo erhält man auf die Frage, welche Kuchen es heute gäbe, die Antwort: „Zwei Stück Sägemehl-Torte haben wir noch!“ Was das für ein Kuchen sei? „Na, das haben wir hier zusammen gefegt.“ Eine herzlich gemeinte Antwort, hier am Ufer der Elbe. Der Kuchen war übrigens lecker.


Die Szenen von gutem Beisammensein, Austausch von Neuigkeiten und Entschleunigung pur an einem sonnigen Nachmittag passen auch an den Vaigai oder den Douro.

Wir setzen über, nehmen die Ermäßigung für Schwerbehinderte mit Begleitperson in Anspruch (samt Auto für 1 €) und betreten das Ufer von Anhalt. Zwischen Auenwäldern und Getreidefeldern, kleinen Dörfern und Gehöften finden wir ein riesiges Barockschloss hinter Büschen. An der Loire wäre das ein Highlight.

Ein Schild weist daraufhin, dass die Erbauerin die Mutter von Katharina der Großen. sei. Donnerwetter! Im Haus wird gebaut, ein dicker Audi und ein weißer Mercedes fahren durch den Bauzaun aufs Gelände: Männer mit nahöstlichem Flair schleppen Holzbohlen ins Haus. Das Schloss wurde von einem privaten Investor aus Berlin gekauft, erfahren wir später. Bei Wikipedia liest sich die Geschichte der Residenz wie ein Historienkrimi: von Nazifolterkammer, Flüchtlingsunterkunft bis Stasiarchiv und Kulturstätte in Sachsen-Anhalt ist alles dabei.
Schloss Dornburg bei Wikipedia

Unten im Dorf haben sich kleine Cafes und Gasthäuser in Erwartung des Ansturms etabliert. Sie bieten heute schöne Rastmöglichkeiten nicht nur für Störche, sondern auch für die Fahrrad-Touristen an der Mittelelbe an.

Am Bauzaun des verfallenen Wirtschaftsgebäudes außerhalb des Schlosses hängt ein Schild: Wer nach dem Kauf eines Kobolds Trost sucht, kann gleich den Music Cocktail für den Abend mitbuchen.
Wir überqueren die Elbe via Brücke bei Schönebeck und fahren vorbei an Pömmelte nach Süden. Zeit für ein Abendessen. Wir erreichen Calbe, auf dem Hochufer an einem Bogen der Saale. „Rolandstadt“ nennt sich das Örtchen, und tatsächlich finden wir eine jener mittelalterlich Figuren am Marktplatz. Die Figur des Rolands steht für freiheitliches Marktrecht.

Im Cafe Milano kehren wir ein, Platz finden wir auf der Terrasse hoch über dem Fluss, der hier breiter scheint wie die Elbe ein paar Kilometer weiter östlich.

Was uns erwartet ist eine aufregende kulinarische Fusion von Burger und Bauernsalat, von Al Forno und Alu Gobi, von Naan und Nuggets. Es riecht wunderbar nach Curry aus der Küche des Restaurants, das von zwei sympathischen Indern betrieben wird. Wir schwanken zwischen Pasta und Palak Paneer, entscheiden uns für die indische Seite der Speisekarte. Der Wirt bietet die Kombination Palak Paneer mit Pommes an, wir verzichten dankend und wählen ein Körbchen mit Naan als Beilage. Ich bin versucht die indische Esskultur mit Korma plus „Schwein“ zu variieren, bleibe aber doch beim Huhn. Das Essen war lecker!

So endet ein Tag in einer anderen Welt mit indischem Flair, während vier junge Männer am Nachbartisch die Burger-Varianten samt Weizenbier verzehren.


Hier an der Saale verbinden sich Ost und West auf unnachahmliche Weise. Ein Feiertagsausflug wird zu einer Reise in eine Welt jenseits aller Konventionen. Beim Verlassen des Restaurants grüßt uns noch der Buddha unterm Feuerlöscher.
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