Interniert mit Mohamed

Bei einer Reise mit mehr als 15 Grenzübertritten, alle mit Passkontrolle, ist eine Zugfahrt auch Währungspolitik. Der Getränkewagen-Typ zwischen Lüttich und Milano zum Beispiel wechselte klaglos fünf Währungen. Geld und Devisen spielten auf der Reise eine permanente Rolle, was mir irgendwann zum Verhängnis wurde.

Zugleich fiel meine Reise in die Zeit politischen Aufbruchs in den Ost-West-Beziehungen: Am 1. August 1975 trafen sich in Helsinki die Staats- und Regierungschefs aller europäischen Länder und der Nordamerikas. Dabei waren auch die der BRD, der DDR und der Sowjetunion. Sie unterzeichneten eine „Schlussakte über die Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa“. Am Abkommen der nationalen Bahngesellschaften zum Interrail-Ticket beteiligten sich Ungarn und Rumänien, als einzige aus dem „Ostblock“. Für mich stand fest: Budapest und Bukarest mussten auf der Route liegen. Das Visum für Rumänien hatte ich im Pass, Ungarn erlaubte einen kostenlosen 48-Stunden-Transit für Interrailer. Es kam aber gelinde gesagt anders.

Internationale Zugverbindungen waren im Jahr 1975 noch ein Puzzle: Bulgarien war für Interrailer nicht zugänglich, also fuhr ich von Istanbul den Umweg über Thessaloniki nach Belgrad. 48 Stunden (!) nach der Abfahrt am Sirkeci-Bahnhof kam ich in Belgrad an.

Belgrad, 19.8.75, 20.15 Uhr: Ein bißchen Pech hat verursacht, daß ich die jugoslawische Hauptstadt doch ein wenig näher kennen lerne. Das beginnt in Jugoslawien natürlich beim Essen. Ich sitze hier in einem Restaurant gegenüber dem Hauptbahnhof. Ein Privatzimmer im Zentrum für 54 Dinare habe ich bekommen. … Es blieb die Wahl hier zu bleiben und bis morgen Abend zu warten oder direkt nach Budapest weiter zu fahren. Ich habe mich für das erste entschieden, da es doch so viel Geld gekostet hatte das Visum für Rumänien bekommen zu haben.“ Ich musste meinen letzten DM-Reisescheck umtauschen und hatte damit nur noch jugoslawische Dinare im Geldbeutel.

*Titelfoto: Blick von der Donau auf die Festung in Belgrad. Quelle: pexel.com

Der Nachtexpress Beograd-Bukaresti fährt vom Dunav-Bahnhof los. Ich saß mit einer älteren Dame im Abteil, wir erreichten um 22 Uhr die rumänische Grenzstation Stamora Moravita. Es war still im Zug, als die rumänischen Beamten von Abteil zu Abteil gingen, mit Arbeitsteilung: erst die Pässe. Mein Visum war okay, check. Dann den Impfpass, check. Die dritte Gruppe prüfte Devisen, denn es gab einen Pflichtumtausch. Ich zeigte meine Dinare. Man bat mich, den Zug samt Gepäck zu verlassen und nahm mich mit in ein Büro der Grenzbehörde im Bahnhof: Schreibtisch und Sitzgruppe.

Den Rest überlasse ich dem Tagebuch: „Die Fahrt nach Rumänien nimmt abenteuerliche Formen an“ schrieb ich. „Nach tausend Kontrollen kommt das Härteste. —- 22.45 Uhr Was ich schreiben wollte ist hinfällig. Da man keine Dinare tauscht (‚Touristen ohne Geld sind unwillkommen‘), werde ich nach Belgrad zurück geschickt.“ Mit krakeliger Handschrift gebe ich meine Aufregung wieder, Unverschämtheit, beschweren, noch keine drei Wochen sei die Konferenz von Helsinki vorbei, da erfahre man was die Realitäten sind.

Der Frust des Verweigerten spricht aus den Zeilen. „Ich könnte platzen. Alle Papiere stimmten, auf das Visum habe ich drei Wochen gewartet und fast 30 DM gezahlt. Umsonst!! Mein Impfausweis, der überraschend verlangt wurde, war in Ordnung. … Eben fährt draußen der Zug ab. Ein libyscher Mitreisender mußte auch den Zug verlassen. Wir sitzen hier im Zollgebäude der ‚Sozialistischen Republik Rumänien‘, als Touristenland ein Hohn!!“ Mein Frust war kaum auszuhalten, zumal uns die Pässe abgenommen worden waren. Mohamed aus Tripolis, der Ältere von uns beiden, war gelassener. Ich schrieb weiter, dass ich meine Grundrechte verletzt sehe, und dass Rumänien für mich gestorben sei.

„Die Nacht habe ich im Halbschlaf zugebracht. Zur Zeit warte ich auf den Zug zurück nach Belgrad. Meinen Paß habe ich immer noch nicht zurück bekommen. In Belgrad werde ich versuchen Dinare in DM umzutauschen, dann nehme ich den nächsten Zug nach Budapest. … 9 Uhr: Im Schnellzug nach Belgrad bin ich wieder in Jugoslawien. Die Kontrollen an der Grenze waren äußerst scharf. Es wurde unter den Sitzen nachgeschaut, von Außen wurden alle Radkästen abgeklopft. Der Zug ist ziemlich leer und es sind natürlich nur ausländische Reisende drin.“

Um 11 Uhr vormittags waren Mohamed und ich wieder am Hbf in Belgrad. Er war wegen fehlendem Impfzeugnis zurück geschickt worden. Mit Hilfe eines Reisebüros in der Innenstadt fanden wir eine Bank, die Dinare in DM umtauscht und ein Krankenhaus.

„Auf dem Weg zum Krankenhaus kamen wir an den ausländischen Botschaften vorbei. Es lief alles glatt und überraschend schnell. Ich aß zu Mittag und Mohamed bekam seinen Ausweis. Ein weltpolitisches Ereignis am Rande: ein junger Mann sprach uns an und wollte helfen. Es war ein Israeli: Israeli und Libyer schüttelten sich die Hände! ==! Auf dem Weg zurück bin ich in die deutsche Botschaft gegangen und habe mich beschwert. Man hatte volles Verständnis, konnte aber natürlich nichts machen.

Während ich am Belgrader Hauptbahnhof auf einen Zug nach Budapest wartete, machte sich Mohamed auf den Weg zurück zum Dunav-Bahnhof, zweiter Versuch. Er schrieb mir am 26.8.1975 aus Bukarest einen Brief nach Deutschland (in Englisch) „Ich habe Dir versprochen alles zu berichten, was an der Grenze passierte. Kannst Du Dir vorstellen, dass ich ein zweites Mal in dem wundervollen ‚Hotel‘ übernachten musste? Ohne Grund wurde ich wieder festgehalten. Ich hatte den internationalen Impfausweis, ich hatte alles. Aber eine weitere Nacht war für mich zu viel. Sie weigerten sich mir ein Visum zu geben und wollten, dass ich zurück nach Jugoslawien fahre. Aber diesmal bestand ich darauf, dass sie mir wenigstens den Grund nannten. Ich bestand darauf, den Vorgesetzten zu sprechen. Mit mir waren zwei weitere Araber, einer Student in Bukarest. Nach langen hin und her gaben sie uns ein Visum. Ich wollte Dir das nur schreiben und hoffe, dass Deine Reise durch Ungarn geklappt hat und Du gut in Deine Heimat zurück gekehrt bist.“ Er fügte eine Postkarte im Brief bei und seine Visitenkarte, sollte ich einmal nach Tripolis kommen. Auf der Rückseite hatte er eine anrührende Widmung geschrieben:

Am Belgrader Hauptbahnhof erwischte ich nachmittags den Pannonia-Express von Sofia nach Warschau in Richtung Budapest.

21.8.1975, 18.45 Uhr: Wir halten mit unserem Pannonia-Express schon seit 20 Minuten an der jugoslawischen Grenze. Wie schon gestern in Rumänien ist die Abfertigung wieder überaus gründlich, der Zug wird förmlich umgekehrt. Bin gespannt, ob es mit der Einreise nach Ungarn klappt, nochmal zurück nach Belgrad fahre ich nicht !! … Also die Abfertigung klappte, um 22 Uhr kamen wir im riesigen Budapester Ostbahnhof an.“

Im Zug hatte ich nicht nur eine Gruppe FdJ-ler aus Berlin getroffen, die von Ferien in Bulgarien zurück in die Heimat unterwegs waren, sondern auch einen gut Deutsch sprechenden jungen Mann aus Sofia. Wir hatten ein Abteil für uns und konnten uns gut unterhalten. Janko wollte seine Oma in Ungarn besuchen. Da wir so spät abends in Budapest kein Hotelzimmer fanden (wir klopften an einigen im Umfeld des Bahnhofs an), verbrachten wir die nicht enden wollende Nacht bei einem Bier im Wartesaal des Bahnhofs Keleti-pu. Wir erzählten viel und tauschten die Anschriften aus, bevor es am nächsten Morgen Abschied hieß. Ich fand über IBUSZ, dem staatlichen Reisebüro, ein Privatzimmer und konnte die 48-Stunden Transit in Budapest genießen.

Mit Janko blieb ich in engem Briefkontakt, ein ganzes Jahr lang. Im September 1976 besuchte ich ihn auf dem Weg in den Orient in seiner Heimatstadt Sofia – man konnte dafür ein 24-Stunden Transitvisum nutzen. So liegt am Ende eines Reiseabenteuers immer schon der Beginn des nächsten.

P.S.: Ich bin ziemlich nachtragend: Nach R. habe ich keinen Fuß gesetzt.


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