Der Gegensatz konnte nicht größer sein: die Tage in der Metropole Athen und der zweitägige Zwischenstopp auf der Insel Samos: „Ich glaub ich bin im Paradies. Man muß sich erst mal kneifen, damit man nicht glaubt man träumt.“ Der Eintrag im Reisetagebuch ist vom 13.8.1975.


Abends zuvor war ich aus Athen kommend auf Samos gelandet. Ich lasse im Folgenden einfach mein Tagebuch sprechen:
„Vom niedlichen kleinen Flughafen bei Pythagoreion gelegen fuhr der Olympic-Bus durch die zauberhafte Insel in die Stadt Vathi. Vathi liegt an einer schmal langen Bucht, die Häuschen dicht gedrängt am Hang, einfach malerisch. Zur Zeit sitze ich im Cafe direkt am klaren, ruhigen Meer. Übernachten tue ich die zwei Tage in der familiären Jugendherberge der Insel, in der fast nur Deutsche sind. Gestern Abend habe ich mit einem jungen Paar aus Hamburg den phantastischen Wein der Insel gekostet. Eine ganze Flasche kostet 16 Drachmen, das sind 1,40 DM. Alles ist hier so billig; …. Diese Insel ist vom Massentourismus noch völlig unberührt (Vielleicht sind deshalb die Einheimischen so ungeheuer freundlich).“

Bei den Studenten-Parties später im neuen Studium so ab Sommer 1976 tanzten wir zu Mikis Theodorakis und „Alexis Sorbas“, zu später Stunde auch mal den „Griechischer Wein“ eines bekannten deutschen Sängers „singend“. Aber als Maschinenbauer verbrachten wir die Abende mit einer Unmenge Hausarbeiten und technischen Zeichnungen („Maschinenelemente I, II, III“).
Ich war im Sommer 1975 hingegen noch voll von Erinnerungen an die Schulzeit. Entsprechend „schulmäßig“ klingt der Text im Folgenden: „Historisch hat Samos mehr zu bieten als man denkt. Schon vor der Blüte Athens war Samos eine Macht (unter Polykrates)“ – Hier spricht die Erinnerung an den Deutschunterricht, als wir Schillers „Ring des Polykrates“ auswendig und dramatisch vortragen mussten:
Er stand auf seines Daches Zinnen,
Er schaute mit vergnügten Sinnen
Auf das beherrschte Samos hin.
„Dies alles ist mir untertänig,“
Begann er zu Ägyptens König,
„Gestehe, dass ich glücklich bin.“
Der Deutschlehrer war auch unser Geschichtslehrer, alles passte gut zusammen und ging ineinander über. „Eine kleine Sensation: auf Samos wurde das erste bekannte Tunnelwerk der Weltgeschichte gebaut. … Hier wurde der jedem Kind bekannte Mathematiker Pythagoras geboren.“ Sein berühmtes a²+b²=c² erinnerte mich an unsere exzellente Mathelehrerin. Ich bestand zehn Monate später an der TH Aachen die Klausur in „Höherer Mathematik“, bei einer Durchfallquote von 75 % – und hörte an dem Punkt mit dem Maschinenbau-Studium auf. Nebenbei: Die WordPress K.I., verantwortlich für das Einstiegsbild, ist ziemlich dämlich: Der Satz über ein Dreieck gilt nur für ein rechtwinkliges.
Auf Samos kam auch die aktuelle Geopolitik in der Ägäis zum Tragen: „Am wichtigsten jedoch ist die strategische Bedeutung der Insel für die Griechen: hautnah bei den verhaßten Türken. Die griechischen Inseln sind natürlich ein Dorn im Auge der Türken. Ich glaube aber, daß kein Land wagen wird anzugreifen. Es wäre der wirtschaftliche und politische Todestoß für beide. Militär prägt das Straßenbild von Samos: überall auf den Hügel Beobachtungsposten, die Armee baut Straßen usw. (Die Wehrpflicht in Griechenland ist voriges Jahr auf 3 Jahre erhöht worden).“ Soweit die strategischen Gedanken eines 20-Jährigen….
Am Abend vor der Weiterreise in die Türkei bilanziere ich: „Die Insel ist der Inbegriff der Ruhe, des Zeithabens und der Gemütlichkeit. Hier ist Entspannen wirklich möglich. Ich muß allerdings sagen, daß ich zwei Wochen hier nicht verbringen könnte. Ich brauche Abwechselung und deshalb freue ich mich auf die Weiterreise in die Türkei.“ Um auf die Einleitung zu diesem Beitrag zurück zu kommen: Auch ein Paradies wurde für mich nach 36 Stunden langweilig.
Entdecke mehr von Full Circle
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

So in der Art?
Mann – o – Mann – o – Mann, der Wein von Samos
Mann – o – Mann – o – Mann, der haut mich hin
…
LikeLike
Genau 🙂 Ich glaube, Du warst damals dabei, als wir mit Rotwein in der Hand Sirtaki tanzten.
LikeLike
Neeee, kenne ich von einer Schlager-Kassette … ein wenig deutschsprachiges Liedgut, abgespielt auf einem roten Double-Tape in den Tropen … lange her
LikeGefällt 1 Person
Klingt nach einer schönen Erinnerung.
LikeLike