Aufgestanden in Ruinen

Durch eine Reihe antiker Ruinen war ich auf der Reise im Sommer 1975 schon geschlendert (Pompeij, Olympia), als ich am 14. August den Boden der Türkei betrat: über eine Schiffsplanke von der Insel Samos kommend. Für die einen sind solche Orte ein Haufen Steine, für andere erzählen sie eine Geschichte von Blüte und Niedergang. Für mich waren sie auch immer Orte aus dem Geschichtsunterricht am humanistischen Gymnasium, das ich erst zwei Jahre früher verlassen hatte.

Das Boot aus Samos hatte zwei Stunden gebraucht und beim Mittagessen im Hafen von Kusadasi begegnete ich etwas für mich völlig Neuem. „Man muß hier alle Preise aushandeln. Ich hoffe, daß ich in der Beziehung meine Schüchternheit bald ablege. … Also das Essen ist ganz vorzüglich, bin auf den Preis gespannt!!“ Das Tagebuch schweigt über den Fortgang der Dinge.

Ephesus (2003)

Ganz ohne Pathos: Ich fühlte mich ad hoc in Asien. Der griechische Kaffee wurde durch den türkischen Chai ersetzt, im kleinen Glas mit zwei Zuckerwürfeln dabei serviert. Minarette wo vorher Kirchenglocken läuteten. Man muss dazu sagen, dass es ein Grenzübertritt zwischen damals extrem verfeindeten Ländern war, die dennoch vieles in ihrer Geschichte und Kultur teilen. Seit der Antike siedelten die Griechen rund ums Mittelmeer, erst recht in Kleinasien, wie man die Türkei bis heute nennt (Asia minor in römischer Zeit).

Ich hatte mir auf dem Weg nach Istanbul zwei weitere antike Ruinenstädte vorgenommen: Ephesus und Troja. Letzteres wegen der Odyssee, die in meinen frühen Jugendjahren als Fernsehserie zu sehen war und der Story seiner Entdeckung durch Heinrich Schliemann. An jenem Nachmittag fuhr ich von der Hafenstadt Kusadasi mit dem Bus die 20 km nach Selcuk weiter.

Damals war es kleines Dorf, mit Storchennestern auf den Mauerresten. Ich fand ein Hotelchen unterhalb der seldschukischen Festung und den Ruinen der Johannes-Basilika. Das Zimmer teilte ich mit zwei gleichaltrigen Türken (ich habe keine Erinnerung mehr, wie das zustande kam, aber immer galt: Kostenoptimierung).

Ephesus bei einem dritten Besuch im Jahr 2003

Ob römische Kaiser oder biblische Apostel, in Ephesus waren alle schon einmal. Einst eine Hafenstadt am Westende der persischen Königsstraße liegen die Ruinen heute einige Kilometer von der Küste entfernt. So führt die Hafenstraße, die man von den Rängen des römischen Theaters aus überblickt, heute nur in eine Obstplantage. „Mit vier Engländern habe ich heute Nachmittag diese faszinierende Ruinenstadt besichtigt. … 431 n. Chr. fand hier ein ökomenisches Konzil statt. Der Artemis-Tempel, von dem nichts mehr zu sehen ist, gehörte zu den sieben Weltwundern. Es muss eine wunderschöne Stadt gewesen sein. Bei 37° im Schatten sind wir durch die Marmorstraße gegangen. Es waren fast nur Deutsche da. Morgen früh gehts weiter nach Troja über Izmir ... Vom Minarett der Selcuker Moschee ruft jetzt um halb 6 der Muezim zum Abendgebet der Moslems.

Die Hitze im Mittelmeerraum und rund um die Ägäis im August 1975 begleitete mich noch mehrere Tage. Daran änderte auch die lange Busfahrt via Izmir nach Norden nichts. Ich verließ den Bus bei dem Halt in Gökcali, an der Abzweigung zu dem Hügel von Troja. War ich schon angetan von dem dichten und komfortablen Busnetz in der Türkei, so entdeckte ich jetzt den Vorzug der Dolmusch-Taxis: Kleinbusse, die man an jeder Ecke anhalten und dann zusteigen konnte. „Troja“ verstand der Fahrer, ich zwängte mich zwischen die Fahrgäste und stieg 5 oder so Kilometer später wieder aus. Bezahlen tut man nach Gewohnheit und Gefühl, jedenfalls war das damals so.

Aus dem Tagebuch: Troja, 15. August 1975, 17 Uhr. Ein langer Wunsch ist in Erfüllung gegangen: einmal in der berühmtesten Stadt der Antike zu stehen, dem Troja, das Homer beschrieben hat. Nach 7-stündiger Busfahrt bis zur Abzweigung zum Hügel, 5 km entfernt, bin ich den Rest der Strecke mit der Taxe her gefahren. Man hat den Blick auf die Ebene, in der einst die Griechen Jahrzehnte die Stadt belagerten, in der Achill und Hektor miteinander kämpften und in der Odysseus mit seiner List das hölzerne Pferd zurück ließ. … Es sind nicht sehr viele Touristen hier. Der Eintritt für die paar Mauern kostete übrigens nicht weniger als 5 DM (!!)“ Der war wohl für die Nachbildung des Trojanischen Pferdes gedacht, das nahe dem Kassenhäuschen stand.

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Ich lief in der nachlassenden Hitze einen großen Teil der Strecke zur Hauptstraße zurück, bis mich ein Dolmus auftrieb. Die Gegend war arm, aber gastfreundlich. Ich aß in einem Motel zu Abend und erwischte noch ein Dolmus in die Stadt Canakkale, 20 km entfernt, an den Dardanellen gelegen. Es war schon dunkel und über das dortige Hotel schweigt das Tagebuch gnädig.

Ich weiß nicht, ob ich von den Abenteuern des Odysseus träumte – sein Kampf mit dem einäugigen Zyklopen, dem verführerischen Sirenengesang oder von der Navigation seiner Crew zwischen Skylla und Charybdis, vermutlich nicht. Dazu war ich zu kaputt. Aber ich ahnte, dass mein Maschinenbau-Studium auf dem absteigenden Ast war, eine Chemie-Klausur und eine in „Höherer Mathematik“ standen noch bevor. Ein dreiviertel Jahr später wechselte ich die Fachrichtung zu Geschichte und Geographie, Gymnasiallehramt – eine „brotlose Zunft“ wie mich die Studienberatung warnte. Nun, ja, für ein gutes weiteres Berufsleben von 35 und mehr Jahren samt Reisen rund um den Globus und einer auskömmlichen Rente hat es gereicht.


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