Eine Nacht auf Capri

Je länger ich in meinem Reisetagebuch blättere, je mehr Erinnerungen an die Interrail-Reise im August 1975 kommen zum Vorschein. Die Tour durch Süd- und Südosteuropa war, wie man heute sagt „transformativ“: Ich telefonierte in jenen Tagen von Neapel nach Hause und erfuhr, dass ich die Mechanik-Klausur meines Maschinenbau-Studiums mit einer glatten 5 „bestanden“ hatte. Mein Entschluss, bei nächster Gelegenheit in die Geisteswissenschaften zu wechseln, war damit gefällt: Olympia, Athen, Pompeij, Troja, Ephesus etc. waren so viel interessanter … Erst recht Capri!

Die Insel im Golf von Sorrent ist seit der Antike ein Mythos. Ich wollte mir damals einen Eindruck verschaffen, wenigstens für eine Nacht!

Screenshot aus meinem Tagebuch

Bericht aus dem Tagebuch, 3.8.1975:

Von Rom aus bin ich in zwei-einhalb Stunden im Zug bis Neapel Campi Flegrei gefahren: Mit der Tram Nr. Uno zur Schiffsanlegstelle Mergellina, von wo ich das nächste Schnellboot nach Capri genommen habe. (Man entschuldige die Schrift, aber das Boot schlingert ganz schön). Eine herrliche Fahrt, blaues Meer, o bella Napoli! Ah, Capri kommt in Sicht! Schnell zum Bug! Die Ankunft filmen!*

* Es gibt keine Fotos von der Reise, ich hatte einen Super 8-Dokumentarfilm gemacht, der aber aus technischen Gründen nicht mehr existiert – die Filmrolle war verklebt und nicht mehr zu retten).

Capri, 18 Uhr

Die Überfahrt ist beendet und ich sitze auf einem Felsen am blauen Meer. Die Nacht werde ich hier am Strand verbringen. Es ist traumhaft schön. Habe gerade um die Klippen herum geschwommen und getaucht. Phantastisch! Das Wasser ist glasklar und angenehm warm.

6 Uhr, 4.8.1975

Die Nacht auf den Klippen hoch über dem Meer ist vorbei. Ein traumhaftes Erwachen: das Rauschen der Brandung, der orange-rote Himmel über Neapel und Sorrent, die Silhouette des Vesuvs. Nach dem Morgenbad werde ich im Ort frühstücken und nach Neapel zurück fahren.

Etwas wichtiges muß ich noch nachtragen: das Morgenbad zwischen den Klippen wäre fast zur Katastrophe geworden. Ich wollte versuchen zwischen den Felsen ins offene Wasser zu schwimmen. Nach zehn Minuten tasten und springen gelang mir das zwar, doch dann wurde ich Spielball der reißenden Brandung. Die Wellen trugen mich vor und zurück und ich schluckte eine Menge salzigen Wassers. Doch ein Schutzengel meinte es gut mir mir. Ich kam in seichteres Wasser und konnte ans Ufer gelangen.

Man lebt nur einmal. Ich wundere mich heute selbst über den Adrenalin-Kick und die Endorphine. Sagen wir so: high spirits, no joint required. 25 Jahre später, im Spätsommer 2000, besuchte ich mit meiner Frau Capri ein weiteres Mal (Fotos stammen von dieser Reise). Und da blieben wir drei Tage auf der Insel, die man für sich selbst hat, wenn die Tagestouristen verschwunden sind.

Pier in Marina Grande

Capri ist exklusiv und teuer. Aber wir fanden ein bezahlbares Hotel in Anacapri, von dessen Terrasse der Blick nach Norden bis Ischia reichte. Man möchte ewig bleiben, aber leider sind wird nicht Krupp oder der Kaiser Tiberius, der von Capri aus regierte, als man in Jerusalem kurzen Prozess machte.

P.S.: Ja, und wir waren in der „blauen Grotte“ (extrem albern), und ja, es ist wunderschön, „wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt!“


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