Lebenserfahrung – Zugewinn in Sizilien

Ich erinnere mich noch schwach: Es war an einem Vormittag auf dem Bahnhofsvorplatz von Catania. Ich hatte auf der Fahrt von Neapel inklusive Eisenbahnfähre zwischen Regio di Calabria und Messina kaum geschlafen. Den Rest der Geschichte fand ich in meinem Reisetagebuch aus dem August 1975:

Zwischenbericht (klingt wie ein Roman, ist aber bittere Wahrheit)

Als ich den Bahnhof von Catania verließ, sprach mich ein Mann auf Englisch an. Er sei Malteser und wolle, um Geld zu bekommen zum Britischen Konsulat. Ein Italiener, der Deutsch sprach, kam hinzu und meinte, das Konsulat sei wegen der Ferien geschlossen. Da der Malteser aber anscheinend dringend Geld brauchte, bat er wir möchten doch einen Augenblick warten, er hätte gutes Material – teure schottische Stoffe – zu verkaufen. Der Italiener, wie er mir sagte Boutique-Besitzer in Brindisi, war gleich begeistert. Mit einem kleinen, giftgrünen Koffer kehrte der Malteser zurück und zeigte uns den Inhalt. Es waren, wie der Italiener (Giovanni Pinelli, Via Roma 22, Brindisi) begeistert bemerkte, ganz hervorragende Stoffe in vier verschiedenen Farben. Er war gleich geneigt zu kaufen und warf den angebotenen 240.000 Lire (1.000 DM) 150.000 entgegen, womit der Malteser widerwillig einverstanden war.

90.000 Lire konnte der Italiener sofort aus der Tasche ziehen. Den Rest wollte er bei seiner Schwester in Taormina holen. So viel Zeit hatte der Malteser aber nicht. Giovanni bat mich flehentlich, die 60.000 Lire vorzustrecken. Er fliege noch am selben Abend nach Brindisi und würde mich dort am nächsten Morgen abholen.*

*Ich muss wohl erzählt haben, ich führe mit dem Nachtzug nach Brindisi.

Nach heftigem Widerspruch und Zögern willigte ich dann ein, zumal er mir 20.000 Lire (80 DM) Provision versprach und ich sollte die Ware nach Brindisi bringen. Das war ein faires Angebot, denn ich hatte ja die Stoffe und er war sein Geld ja schon mal los. Nun ja, ich tauschte einen 200 DM- Reisescheck um und der Malteser zog mit 150.000 Lire schon mal los. Ich verabschiedete mich von dem Italiener bis heute Morgen um 9 Uhr am Bahnhof in Brindisi. Wer aber um die Zeit nicht da war, war Signore Pinelli. Ich wartete den ganzen Vormittag umsonst. Die Stoffe verstaute ich im Rucksack und so begab ich mich denn in den Hafen.

200 DM bin ich also los (400 DM Herr Pinelli); und ich habe die Stoffe im Wert von 1500 – 2000 DM. Der Koffer steht – leer – in der Unterführung (am Bahnhof). Nur der eine Schlüssel, den anderen hat ja Herr Pinelli, erinnert mich noch an die Geschichte, deren Ende jedoch noch offen ist; von Stoffen ist nämlich noch keiner satt geworden!

Screenshot aus dem Tagebuch

Die Adresse in Brindisi stimmte übrigens nicht (!)

Die Stoffe reisten mit mir und der Fähre nach Patras, weiter nach Olympia, Athen, Samos, Ephesus, Troja, Istanbul, Thessaloniki, Belgrad, Budapest, Wien und Innsbruck von dort nach Aachen weiter – sie stellten sich als wertlos heraus.

Lieber Leser, Du wirst bestimmt sagen „Wie kann man nur …“ – völlig zu Recht. Ich war 20 Jahre alt, allein unterwegs durch die Welt und überaus optimistisch. Die 200 DM in Catania waren ein dicker Brocken aus meinem Budget – ich habe sie eingespart durch Schlafen am Strand und in Parks. Ging.

Übrigens, auf den Ätna bin ich per Bus gefahren an jenem Tag. Voller Optimismus 🙂

Blick von Taormina auf den Ätna

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4 Gedanken zu “Lebenserfahrung – Zugewinn in Sizilien

    1. Na, wenigstens wurde mir keine Pistole an den Kopf gehalten oder die Kredikarte geklaut – so was gab es noch gar nicht 🙂 Perfekt gespielt von dem Duo und ein 20-Jähriger mit Rucksack und „Weltumarmung“ fiel drauf rein.

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      1. Ich hatte ein ähnliches Erlebnis in Italien, wo mich ein deutscher geleimt hat. Vielleicht schreibe ich das mal auf.

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