Am 30. April 1975 endet mit der Einnahme Saigons ein mehr als zehn Jahre andauernder Krieg, der mich und viele meiner Generation als Jugendliche stark geprägt hat. Wir waren zu jung, um an den Studentenprotesten der Jahre 1967/68 teilzunehmen, aber alt genug um die täglichen Fernsehbilder aus Südvietnam oder von Bombern über dem Norden Vietnams im Kopf aufzunehmen. Die Tagesschau zeigte solche Bilder in Schwarzweiß von einem Krieg eine halbe Welt entfernt, die in unsere Wohnzimmer reichten.
Fernsehbilder von Napalm-Explosionen, Entlaubungsmittel abwerfenden Flugzeugen oder B52-Bomber über Nordvietnam, Laos oder Kambodscha haben sich bei mir wie in einem belichteten Film eingeprägt. Das legendäre Foto des letzten Hubschraubers raus aus Saigon vom Dach eines Gebäudes im heutigen Ho Chi Minh City ist den meisten bekannt: Verzweifelt kämpfen Menschen auf einer Leiter um einen Platz in dem Helikopter. Auch das kam im Fernsehen, aber da war ich schon Student in Aachen.


Ich habe zwei Fotos als Screenshot aus einem 1968 erschienenen Buch beispielhaft entnommen. Wenn damals das Massaker amerikanischer Truppen (und das Cover-up des US-Militärs) in My Lai für die Brutalität des Krieges stand, ist es heute Butscha in der Ukraine. Der Krieg und seine Traumata sind in Hollywood-Filmen wie Apocalypse Now, Deer Hunter (‚Die durch die Hölle gehen‘),Platoon oder Full Metal Jacket und einem weiteren Dutzend anderer verarbeitet.
Ich war 2019 in Vietnam und es fiel mir schwer, nicht dauernd an die Fernsehbilder meiner Jugend zu denken. Vietnam ist heute ein beliebtes Reiseziel, mit einer Vielfalt an Kultur und Landschaften, und dazu ein Wirtschaftswunder.



Ich gebe zu, mich holten immer die Bilder meiner Jugend ein: In Hanoi besuchte ich das Hoa Lo-Gefängnis, das unter G.I.’s berüchtigte „Hanoi Hilton“ unweit des Hauptbahnhofs. Und in Ho Chi Minh City habe ich den früheren Präsidentenpalast besichtigt, vor dem Korrespondenten wie Winfried Scharlau oder Peter Scholl-Latour ihre Statements abgaben. Der Krieg in Vietnam bleibt unauslöschlich bei mir im Kopf.

Saigon Moments (in Englisch). Reiners.blog, 28.10.2019
Auf den Straßen von Hanoi. Reiners.blog, 21.4.2021
*Titelfoto: Trümmer einer abgeschossenen B52 als Zeugnis mitten in Hanoi
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Mir ging es auch so, obwohl ich nochmal ein paar Järchen jünger bin und keine aktive Erinnerung an den Krieg hatte. Aber selbst nach 50 Jahren denkt man daran, wenn man durch Vietnam reist. Mich hat erstaunt, wie wenig man von all den Schrecken sieht, die ja das ganze Land heimgesucht haben. Aber Manches sieht man auch nicht und es ist trotzdem da.
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Ja genau. Manche Rundreisen machen das sogar zum Thema. Das artet dann in “ black tourism“ aus. So weit würde ich natürlich nicht gehen. Für mich waren die wenigen Spuren ausreichend, um Erinnerungen aufzuarbeiten.
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