Eine fünftägige Kreuz- und Querfahrt auf einer einstigen Autofähre, verstreute Korallenatolle 500 km vor der indischen Westküste und ein Abenteuer samt Familie, all das kam im Dezember 1983 bei einer Reise auf die Lakkadiven zusammen. Beinahe wären wir sogar für einen Tag auf einer unbewohnten Insel ausgesetzt worden, samt Picknick-Set. Aber der Reihe nach.
Beim Schreddern alter Unterlagen stieß ich neulich auf ein bemerkenswertes Dokument, welches über 40 Jahre im Ordner geschlummert hatte und aussieht, als sei es ein Dokument aus dem späten Mittelalter.

Das als Permit Nr. 207/83 ausgestellte Schreiben für Reiner Jungst stellt fest, „the Administrator of the Union Territory of Lakshadweep is pleased to allow Shri Jungst and his wife and children below 18 years as detailed below to vist the following islands for the period of 11,12,1983 to 15,12,1983 under the Lakshadweep Package Tour Programme …“ Dann werden Namen und Alter meiner Familie aufgeführt, sowie die Namen der Inseln. Die handschriftliche Anmerkung „not allowed to land“ habe ich damals geflissentlich übersehen.
Mit diesem Schreiben gab es grünes Licht für eine Schiffsreise auf die Inselgruppe im Arabischen Meer, die als Unionsterritorium Lakshadweep von der Zentralregierung in Delhi aus verwaltet wird. Für Ausländer waren die Inseln seit 1947 gesperrt, aber als damaliger „Resident of India“ hatte man mir und meiner Familie ein Besuchs-Permit ausgestellt. So glaubte ich.
Um es zusammenzufassen: Die Tour wurde ein Abenteuer und mein Tagebuch von damals (hier Zitate in kursiv) spiegelt die physische Erschöpfung wieder, die es abverlangte. Ich habe die Eintragungen durch das ergänzt, was man im Kopf ewig mit sich trägt: Erinnerungen.
Vergessene Inseln, neue Kontroversen. Reiners.blog, 22.6.2021
Sonntag, 11.12.1983 – Cochin/Einschiffen auf der Bharat Seema
Mit Verspätung zum „Lakshadweep House“ auf Willingdon Island: Die Scooter-Fahrer wollten vom Bahnhof (in Ernakulam) 15 Rs. haben, wir bekamen noch einen für 10 Rs. … Um fast 3 Uhr standen wir am Schiff.
Der erste Schock: die Decksklasse bestand aus einer hell erleuchteten Farbrikhalle mit Frischluftzufuhr. Sitzen auf Holzbänken, Schlafen auf dem Boden, Gepäck steht einfach rum. Zum Glück 200 freundliche Reisegefährten.


Das Schiff war eine umgebaute Autofähre aus Dänemark, die Indien für die Inselgruppe erworben hatte. Alles war einfach, immerhin sauber und klimatisiert. In der zweiten Nacht auf See wachte ich durch Geknister auf und sah, wie kleine Einsiedlerkrebse mit ihren Muscheln auf dem Rücken aus einer Papiertüte krabbelten und sich in Richtung unserer Kinder bewegten. Ich weckte einen Studenten, der sie wieder einsammelte und in die Tüte verstaute. Die Kinder schliefen seelenruhig, wir Erwachsene slightly less.


Montag, 12.12.1983 – Minicoy Island
Eine Reise der Schocks und Sensationen. Planmäßig verließ die Bharat Seema (BhS) Cochin durch jene enge Passage. Sonnenuntergang, Mahlzeiten in A/C-Kabine mit noblem Publikum.

Am nächsten Morgen lagen wir vor Minicoy und wurden schließlich gegen 11 Uhr ausgeschifft.




Eine Stunde durch die Lagune mit fantastischen Farben, nur um zu erfahren: Betreten verboten. Immerhin wir waren die ersten Fremden überhaupt. Rest des Tages auf dem Schiff.

Als wir aus dem Boot über einen Steg die Insel Minicoy betraten, kam ein Polizist auf uns zu, und man sah ihm seine Verlegenheit an. Wir mögen doch bitte in die kleine Hütte nebenan mitkommen. Man gab uns Kokosnüsse zur Erfrischung, dann kam sein Vorgesetzter und sagte mit ehrlichem Bedauern, dass wir leider zurück aufs Schiff müssten. Er bot uns an, uns mit Sandwiches, Wasser und einer kleinen Kreuzfahrt vor dem Strand von Minicoy zu entschädigen, was wir annahmen. Dann brachte uns das Beiboot zurück.


Weiter im Tagebuch vom 12.12.: keine Erlaubnis die Inseln betreten zu dürfen, gelte generell für Ausländer. Tausend Missverständnisse, an Bord bleiben zu dürfen ist schon eine außerordentliche Konzession! Ich frage offensiv einen Mann nach seiner Profession: „I am the Administrator!“ Seine Deutsch-Freundlichkeit hilft uns nicht, wir bleiben an Bord! Immerhin ein schöner Tag mit Zick-zack-urs über die Inseln. Abends Video und Tombola, der Captain und einige Crew-Leute sind unheimlich nett.
Es hatte sich herausgestellt, dass der Administrator der Inselgruppe samt Familie ebenfalls an Bord war. Wir saßen gemeinsam beim Abendessen und unterhielten uns angeregt, unser Sohn spielte mit seinem. Wie in Asien meist üblich, wurde das eigentliche Thema – unsere Besuche auf den Inseln – nicht angesprochen. Man möchte das Gegenüber nicht in die Verlegenheit bringen, Nein sagen zu müssen. Später erfuhr ich von einem Crew-Mitglied, dass der Administrator gern etwas für uns tun würde, aber seine Hände seien gebunden.
Dienstag, 13.12.1983 – Kavaratti, Amini, Agatti
Die Inseln sehen auch schon von Weitem paradiesisch aus, das Ausbooten und Beladen ist interessant zu beobachten. Alle anderen Passagiere sind auf Kavaratti. während wir durch die Gegend kreuzen. Schade, dass wir nicht vom Schiff konnten.




Wie ich abends erfuhr, hatte der Administrator das Schiff in Kavaratti verlassen. Dort ist sein Dienstsitz, die Insel Verwaltungszentrum der Lakkadiven. Ein Crew-Mitglied deutete an, es gäbe am nächsten Morgen vielleicht eine Überraschung…
Wir wechselten uns beim Schlafen unter Deck ab, aber ich blieb an jenem Tag unter bewölktem Himmel mit den Kindern auf dem Oberdeck. Sie schliefen auch auf ungewöhnlichstem Untergrund und wachten nur durch die Schiffssirene auf



Mittwoch 14.12.1983 – Kalpeni
Beim Frühstück kam der Erste Offizier zu uns, er habe eine Überraschung: Wir dürften heute von Bord. Einzige Bedingung: Man würde uns auf einer unbewohnten Insel im Kalpeni-Atoll samt Verpflegung absetzen und abends wieder abholen. Mein Herz schlug bis zum Hals, aber meine Frau blieb cool: „Und wenn die uns vergessen?“ Wir lehnten dankend ab. Der Offizier ging kurz weg und kam wieder: „Okay, sie können mit der Gruppe von Bord und auf die Insel!“ Es gibt noch Wunder.

Im Tagebuch: Eine traumhafte Insel, alles war liebevoll für uns arrangiert – Einzelheiten sind kaum aufzuzählen. Laufen kreuz und quer über Kalpeni durch Kokospalmenwälder. Moschee am Südwestende, phantastischer Blick über die Lagune. Einladung ins Haus des einen Polizisten, Fahrt auf eine unbewohnte Insel, Besuch der sturmumtosten Ostküste.





Meine Erschöpfung an jenem Tag ist für die kurzgefassten Sätze verantwortlich. Die Inselverwaltung gab sich alle Mühe, uns gastfreundlich zu bewirten: Picknick und Getränke, Ausruhen, wann immer wir wollten. Zwei Polizisten waren zu unserer Betreuung abgestellt



Gerade als wir so richtig entspannt waren, kamen einer der Polizisten auf uns zu, sichtlich verlegen. Man habe gehört, dass auf den Malediven weiter südlich großer Tourismus sei. Er habe von seinem Großvater eine unbewohnte Insel geerbt und dort schon mal ein kleines Hotel gebaut. Ob wir das mal testen könnten?

Nun ja, wir stimmten zu. Es sei nur eine kleine Bootsfahrt…

In einem Boot mit Außenbordmotor fuhren wir (in Begleitung) den Kilometer auf das Inselchen.

Tatsächlich gab es ein kleines Haus mit zwei Schlafzimmern, blütend weiß bezogene Betten. Wir könnten gern ausruhen und das Bett testen, man kümmere sich inzwischen um unsere Kinder. Wir dankten freundlich und lobten das wunderschöne Domizil – es war tatsächlich traumhaft, wenngleich surreal.


Man brachte uns zurück nach Kalpeni und von dort mit der Gruppe zurück auf die Bharat Seema. Die Anker wurden gelichtet und bei Sonnenuntergang machte sich das Schiff auf in Richtung Festland und Cochin.
Eigentlich waren wir hundemüde, aber – so der Capitain – wir könnten unmöglich die Einladung zur Abschiedsfeier auf dem Freideck abends ablehnen. Dort sollten Gruppen unter den Passagieren ein typisches Lied oder einen Tanz ihrer Heimat vorführen: unter einer Lampe am Hauptmast und unterm Vollmond. Guter Rat war teuer, wir sind nicht nur scheu, wir konnten auch kein einziges Lied mit vollem Text. In letzter Minute viel mir die Rettung ein, ich flüsterte den Kindern was ins Ohr. Die machten klasse mit. Und so führten wir einen „typisch deutschen“ Volkstanz auf: „Es tanzt ein Bi-Ba-Butzeman in unserm Kreis herum – Fidebum“. Großer Applaus vom Publikum und der ganzen Mannschaft. Ich fragte, wer eigentlich das Schiff steuert. No worry, it is automatic! Na, dann.
Der Kapitän und der Erste Offizier luden uns noch zum Umtrunk in ihre Kabine ein, den Johnnie Walker mit Soda konnte ich gebrauchen.

Donnerstag, 15.12.1983 – Cochin
Morgens beim Frühstück – Einlaufen in Cochin. Accomodation in der tollen Piazza Lodge (in Ernakulam), Schlafen, Relaxen, Brief schreiben, Abendessen im „Golden Dragon“
Zu mehr war ich nicht mehr fähig, aber im damaligen Alter (29 und 25, drei-einhalb und ein-einhalb) ging die Erschöpfung schnell vorbei. Es lagen noch weitere zwei Wochen Küste auf und ab in Kerala vor uns.
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Wow, was für ein Abenteuer! Das war noch ein anderes Reisen
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… und ganz ohne Instagram 😉
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