Bei der Suche nach Verbündeten in der neuen Weltordnung bietet sich China immer wieder an. Es sei für die europäische Integration, es sei der ideale Handespartner Europas auf der anderen Seite des eurasiatischen Kontinents und es sei dafür, dass sich die EU aus den Fängen der USA befreit, so heißt es ein ums andere Mal z.B. in der englisch-sprachigen China Daily. Die Spaltung des transatlantischen Bündnisses war bislang die größte Furcht der Europäer. Nun letzteres haben die USA gerade selbst bewirkt, seis drum.
Der freie Handel ist für Chinas Exporte genauso wichtig für die EU, Geopolitik hin oder her. Und zwischen China und der EU verkehren schon längst wöchentlich Dutzende Züge – neuerdings via Kasachstan nach Tiblis und Istanbul unter Umgehung Russlands und der Ukraine.


China hat sich als neutraler Vermittler im Krieg dort angeboten, aber gleichzeitig seine freundschaftliche Nähe zu Russland in die Welt posaunt. Für Europa sieht das nicht nach Neutralität aus. Es müsste ausgetestet werden, was China in seinem Zwölf-Punkte-Friedensplan vom März 2023 unter „territorialer Integrität“ aller Länder versteht, die es dort als Punkt 1 nennt. Wenn das auch für die Ukraine (vor 2014) gilt, dann wäre vorstellbar, dass Friedensverhandlungen zwischen der Ukraine und Russland in Peking stattfinden. In diesen Zeiten ist alles möglich, vor allem wenn China demonstrieren könnte, dass es als verlässlicher Vermittler auftreten kann.

Chinas Push für Elektromobilität, wie wir sie in Guilin beobachten konnten, oder seine unseren Standards angeglichener Mülltrennung in der Innenstadt, mag der Stadt als Touristenzentrum geschuldet sein. Aber sie zeigt eine Richtung an, die mit Europa kompatibel wirkt. Von DeepSeek und K.I. ganz zu schweigen.


Unser Eindruck von zehn Tagen in China im Dezember war, dass von dem Bild meiner Jugend nichts mehr übrig ist. Der wirtschaftliche Wandel ist vor Ort genauso atemberaubend, wie ihn unsere Medien hier oft skizzieren. Geblieben aber ist das ungelöste Problem zweier unterschiedlicher politischer Systeme, zu unseren in Europa, und unter dem Dach von „One China“.

Ich hatte im Jahr 2024 die Gelegenheit, „beide Seiten der Taiwanstraße“ kennen zu lernen.

Nun sind subjektive Eindrücke eines Touristen keine Basis für allgemein gültige oder gar fundierte Aussagen, aber das eine oder andere Gespräch im normalen Alltag von Chinesen auf der Insel und dem Festland geben Hoffnung, dass die historische Tragödie des Bürgerkrieges, die in zwei politische Systeme gemündet ist, einer Lösung näher kommt. Taiwan hofft, seine demokratische Verfassung – eine der progressivsten in Asien – bewahren zu können. Ein Sitznachbar aus meiner Generation im Zug von Hualien nach Taipeh gab zu bedenken, dass bei einem Krieg alles Erreichte der Zerstörung anheim fallen würde – für ihn ein hoher Preis. Man muss es den Chinesen überlassen, wie sie dies lösen. Vielleicht kann gerade dazu die europäische Integration hier ein Modell sein, oder unsere Ostpolitik der 1970er: Wandel durch Annäherung. Wirtschaftlich ist das gelungen. Und den langen Atem haben die Chinesen schon immer.
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