Demokratie ist gar nicht langweilig, sie hat zuweilen sogar Dramatik. Die Drama-Queen dabei ist unser Nachbar jenseits des Rheins. Während Tage zuvor auf der anderen Seite der Straße von Dover ein Wechsel lange vorher gesehen war, kam er am Wochenende im zweiten Wahlgang in Frankreich völlig überraschend.
In weniger als vier Wochen hatten die Franzosen eine Nouvelle Front Populaire zusammen geschmiedet und sich sogar mit der Ensemble pour La Republique – der verachteten „Mitte“ – auf Kandidaten in den Wahlkreisen geeinigt, um eine Stimmensplitterung zu verhindern, die dem Rassemblement National genutzt hätte. Und es gelang: die RN fiel auf Platz 3, von Platz 1 im ersten Wahlgang. Hunderte mussten ihre geplante politische Karriere dazu zurück stellen, Millionen wählten Kandidaten, denen sie sonst nie die Stimme gegeben hätten. Und so wurde eine Regierung der Ultra-Rechten verhindert, buchstäblich eine Revolution an der Urne, aus dem Bauch heraus. Die RN schreit natürlich Wahlbetrug.
Nur mit dem jetzigen Ergebnis lässt sich keine Regierung bilden. Daran zu denken, dafür fehlte die Zeit. Weder weiß man, wer für den Block der Volksfront als Premierminister in Frage käme, noch hatte man die Parteiprogramme dazu abgestimmt. Am schnellsten im Fernsehen war Jean-Luc Ménechon von La France insoumise. Er erklärte den Wahlsieg der Linken Sekunden nach der ersten Prognose und beanspruchte für die Front den Posten des Premierministers (dies zu tun sei jetzt „Pflicht“ des Präsidenten). Wieder einmal hätte die Linke die Republik gerettet. Der Mann hat einen Punkt.
In der Weimarer Republik scheiterten Zweckbündnisse zwischen der Mitte und den Linksparteien (SPD und KPD) am gegenseitigen Misstrauen (wenn nicht Hass). Sie hätten die Nazis verhindern können und das Geschrei von „Volksfront verrecke“ wäre ins Leere gelaufen. Für die Franzosen gab es da aber kein Zögern.
Wie das Geschacher um eine Regierungskoalition weiter geht, das weiß zur Zeit niemand. Es ist für Frankreich eine neue Situation, in den Fernsehrunden verwies mancher Experte auf Deutschland, wo langwierige Koalitionsverhandlungen zur Regierungsbildung die Regel sind (noch mehr etwa in den Niederlanden). Da wird einem der Ampelstreit geradezu als kleinliches Scharmützel vorkommen, gegenüber dem, was Frankreich jetzt bevorsteht.


Gestern Abend feierten die Gewinner, überwiegend junge Leute, auf dem Place de la Bataille de Stalingrad in Paris als sei es der 14. Juli 1789 und tatsächlich eine Schlacht geschlagen. Das Mehrheitswahlrecht aber verhüllt, wie stark der Stimmenanteil der RN in Wirklichkeit war. Die Parteiführung verkündet auch, es ei nur eine Verzögerung der Machtübernahme. Das lässt sich gut an Wahlkreisen im Elsass illustrieren:


An der Grenze zur Pfalz etwa stellt der RN den stärksten Kandidaten, die Stadt Straßburg hingegen ist mehrheitlich links. Aber Mehrheit bedeutet hier nur knapp über der 50 Prozent-Marge.

Die Franzosen haben ein Zeichen gesetzt, aber die politische Kleinarbeit beginnt erst jetzt. Vielleicht werden sie ja am Sonntag, am 14. Juli (!), Fußball-Europameister, es wäre ein schönes Geschenk zum Nationalfeiertag und würde die Gemüter beruhigen. Oder viele Medaillen bei den Olympischen Spielen in ihrer Hauptstadt versöhnen alle miteinander. Wir hier, in unserer gesetzten föderalen Koalitionsrepublik, können ihnen Aushandeln beibringen. Uns könnten sie ein bißchen mehr revolutionären Mut lehren, wenn’s mal brenzlig wird. In jedem Fall gilt immer noch: Vive la France!
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