Es scheint wie in einer griechischen Tragödie der Antike: Für die Helden gibt es keinen Ausweg, das (tragische) Ende ist trotz aller Bemühungen vorprogrammiert. Zwischen den einzelnen Akten stimmt ein Chor Klagelieder an. Ich finde mich seit zwei Jahren häufig in dieser Rolle des Lamentierenden (lamentare, Lat. = klagen, jammern) wieder, gerade dieser Tage nach dem NATO-Gipfeltreffen in Washington D.C.
Da taucht es wieder auf, das Wort vom „Kalten Krieg.“ Und meine Generation zuckt zusammen. Die Krisen der 1960er, -70er und frühen -80er ziehen im Geiste vorbei. Es läuft ein Film ab, dessen Abspann eigentlich geschrieben schien: Entspannung, Ostpolitik, Friedensdemos, -diplomatie und -nobelpreise, Mauerfall – Ende der Konfrontation.
Aber jetzt? Langstreckenwaffen der USA werden wieder in Deutschland stationiert, Wiesbaden – wo ich 1982 mein Referendariat gemacht habe – wird wieder Standort einer NATO-Einrichtung (Beschaffungsamt für die Ukraine). Es wird aufgerüstet wie nie, Mannöver finden von Alaska bis ins Baltikum statt, die Wehrpflicht wird wieder diskutiert. Wäre ich sagen wir im Oktober 1962 eingeschlafen und jetzt aufgewacht, die 62 Jahre dazwischen wären ausradiert.
Bei der Kubakrise in jenem Jahr war ich knapp acht Jahre alt, die Anspannung stand in den Gesichtern der Erwachsenen bei uns im Dorf geschrieben – ebenso wie die Erleichterung, als das Radio meldet, die sowjetischen Schiffe hätten abgedreht. 1974 wurde ich auf einen Lehrgang für Offiziersanwärter geschickt, mit einem Ausflug (in Zivil) an die innerdeutsche Grenze bei Helmstedt. 1978 machte ich mit Freunden aus Mainz einen Ausflug nach Berlin, ein mulmiges Gefühl beim Transit durch die DDR. Immerhin, ein Tagesausflug nach Ostberlin über den Bahnhof Friedrichsstraße und ein Besuch im Palast der Republik machte uns deutlich, dass „drüben“ auch Deutsche lebten. Wir kamen mit einer Tasche politischer Literatur aus einem Buchladen zurück. 1979 ein Tagesausflug nach Eisenach und der Wartburg im Rahmen einer Studienexkursion von der Rhön aus – ein Beamter der Staatssicherheit begleitete uns den ganzen Tag im Bus.

Schon im Sommer 1975 war die „Akte von Helsinki“ unterschrieben worden, der Beginn von Tauwetter. Ich wollte mit Interrail von Belgrad nach Bukarest reisen, wurde aber an der rumänischen Grenze über Nacht festgehalten und mit dem Gegenzug zurück geschickt. Im Jahr darauf nutzte ich einen 24-Stunden-Transit in Sofia und besuchte dort einen Brieffreund. Mit Janko hatte ich jahrelang Kontakt. Ungarn war dagegen völlig unproblematisch (Sommerurlaub 1981 am Plattensee). Das alles fällt mir ein zu Leben mit dem Kalten Krieg. (Die WordPress K.I. hat das in einem Bild vom Panzer im Schnee illustriert.)
„Kalt“ war er nur in Europa, in Vietnam (bis 1975), Laos oder Kambodscha, in Afghanistan (1979-1989) oder in Afrika und Zentralamerika hatten sie andere Erfahrung. Heute weigern sich die Opfer der damaligen Ost-West-Konfrontation in den Krieg in Europa hinein gezogen zu werden.
Es fällt schwer, nicht in Resignation oder Zynismus zu verfallen. „Wie enden griechische Tragödien?“ frage ich den ChatBot. Seine Antwort: „Die Tragödien enden meist in einer Katastrophe, bei der der Hauptcharakter sein Ziel nicht erreicht und oft stirbt. Dies spiegelt die unvermeidbare menschliche Schwäche und die Macht des Schicksals wider.“
Viele Tragödien, so mein K.I.-Kumpel, endeten mit einer moralischen Lehre oder einem philosophischen Gedanken, der dem Publikum eine wichtige Botschaft über das Leben und die menschliche Natur vermittelt. Hoffentlich erreicht uns diese Botschaft noch lebend.
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