Vor zwei Wochen in Heathrow vorm Flug nach Hannover: „Bitte prüfen Sie vor dem Einsteigen die Unterschrift in Ihrem Pass. Ohne einen unterschriebenen Pass können Sie nicht einsteigen.“ Eine solche Ankündigung habe ich zwischen Tokio und Dubai noch nie gehört, zumal wir mit dem Perso bis an den Euphrat reisen können. Die Reisenden prüften alle umgehend ihre Pässe, wer hat je nach einer Unterschrift darin geschaut? „Times have changed, indeed“ konnte ich mir nicht verkneifen dem freundlichen Beamten zu sagen.

Nun scheint das Vereinigte Königreich seine politische Zeitenwende eingeleitet zu haben. 14 Jahre rückwärts gewandte Politik haben dem Land den Rest gegeben, so viel zu „konservativ“. Man muss es dem Mehrheitswahlrecht lassen: Wenn schon Veränderung, dann komplett. Bei uns würden die Prozente mit Koalitionen verrechnet, beim System „The winner takes all“ ist einer pro Wahlkreis drin, der Rest draußen.
Dazu fand ich eine gute Tabelle, welche die Unterschiede zum Verhältniswahlrecht zeigt (Stand der Auszählung am 5.7.24 um 8.45 Uhr MESZ): Mit nur einem geringen Stimmenzuwachs und knapp 34 % insgesamt gewinnt Labour 213 Sitze hinzu und hat mit 410 Sitzen im Unterhaus eine komfortable Mehrheit. Dramatisch ist der Verlust bei den Konservativen: Sie verlieren fast 20 Prozentpunkte der Stimmen im Vergleich zu 2019 und erreichen mit 24 % Stimmen nur noch 119 Sitze im Parlament. Mehr als erstaunlich ist auch der Zuwachs (an Sitzen) der Liberaldemokraten, die einst als Koalitionspartner der Tories abgestraft wurden. Sie setzen sich für die Aufhebung des Brexittheaters ein. (Noch sind gut 10 Wahlkreise nicht ausgezählt!)
Erschreckend aber, das die extremen Rechten (Reform UK) aus dem Stand mehr als 3,6 Millionen Stimmen erhalten (mehr als die Liberaldemokraten) und damit drittstärkste Partei im Königreich wären. Aber hier bildet das Mehrheitswahlrecht eine Schranke: 14,4 % der Stimmen machen nur 4 Sitze im Unterhaus aus. Schade, dass wir kein Mehrheitswahlrecht in Thüringen haben. Die britischen Grünen haben mit immerhin fast 2 Millionen Stimmen (ein Plus von 4,1 Prozentpunkten) ebenfalls 4 Sitze.

Auf der politischen Landkarte wirkt das Königreich bunter, als es die Sitze im Parlament vermuten ließen. Vor allem die „rote Wand“ in Englands Norden steht wieder, solide wie eh und je.

Da diese Darstellung immer die absoluten Stimmenzahlen Außen vor lässt, wirkt England „konservativer“ als es ist und die regionalen Parteien in Schottland (gelb), Wales (dunkelgrün)und Nordirland (hellgrün) stärker als ihr Gewicht in Westminster. Immerhin hat die (nord)irische Sinn Fein jetzt 7 Sitze im Unterhaus, die DUP – ihr Gegenspieler – nur noch 4. Und die für Schottlands Unabhängigkeit eintretende SNP ist ein weiterer großer Verlierer.
Es gibt also Hoffnung im Königreich, dass die Politik der vergangenen Jahre zu Ende ist und sich England und Co. aus dem selbstzugefügten Schlamassel befreien können. Demokratie kann sich auch mal irren.

Ein Wunsch-Szenario: England ist kommende Woche gegen Deutschland im Endspiel und Keir trinkt mit Olaf ein Bier im Berliner Olympiastadion.
Entdecke mehr von Full Circle
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.
