Vor 200 Jahren, am 7. Mai 1824, wurde Beethovens 9. Symphonie in Wien ur-aufgeführt. Der Dirigent Daniel Barenboim erinnert daran in einem New York Times-Artikel. Im letzten Satz vertonte Beethoven zwei Strophen aus der „Ode an die Freude“ von Friedrich Schiller.
Heute hat es die Melodie bis zur Europa-Hymne gebracht. Die Neunte ist zu einem globalen Musikwerk geworden, das von Chicago bis Kyoto aufgeführt wird. Es ist d a s Musikstück für feierliche Anlässe, aber hat es auch in Stanley Kubricks Film „A Clockwork Orange“ von 1971 geschafft, wo der Gangleader Alex von Beethovens Musik angetrieben wird. Und im Jahr zuvor war er als poppiger „Song of Joy“ in den Hitparaden Europas.

Der Dichter der Ode hatte den Text als 26-Jähriger 1785 in Leipzig niedergeschrieben, nach ersten Erfolgen noch ohne festen Job und auf der Suche nach Lebenssinn. Schiller spürte aber auch schon den revolutionären Geist von Freiheit und Brüderlichkeit in Europa, der sich vier Jahre später in Frankreich Bahn brach. Mit Ludwig van Beethoven sind die Strophen zum Welterbe der Menschheit geworden.
Einer der Anlässe, zu dem Beethovens Werk aufgeführt wurde, war der G20-Gipfel im Juli 2017 in Hamburg. Und fast ähnlich wie in Kubricks dystopischem Film tobte in den Straßen Hamburg ein virulenter Mob, während an der neuen Elbphilharmonie die Staatsgäste vorfuhren (die Nachrichtensender schalteten hin und her). Ich habe mir das Gruppenbild zum Treffen in Hamburg nochmals angeschaut: Es ist nicht einmal sieben Jahre alt und scheint doch aus einer anderen Zeit zu sein. Mehr noch, es läuft einem eiskalt den Rücken runter.

Dort stehen Macron und Trump (erster großer Auftritt der beiden nach deren Wahl), Modi (wird gerade wieder gewählt), Putin und Xi, Erdogan und Tusk (jetzt wieder Premier), Lagarde und Juncker (jetzt ersetzt durch Ursula von der Leyen), Theresa May (jetzt ersetzt durch Sunak) und Guterres (damals gerade ein paar Monate UN-Generalsekretär). Abe Shinzo vertrat Japan (2022 ermordet), weitere Teilnehmer sind Trudeau (immer noch Premier von Kanada), Lee von Singapur (wird jetzt abgelöst) oder Widodo von Indonesien (gerade abgewählt) – und viele mehr. Gastgeberin Angela Merkel ist natürlich inzwischen von Olaf Scholz abgelöst (damals als Bürgermeister von Hamburg auch dabei).
Der „Bericht der Bundesregierung“ zum Gipfel ist voll von schönen Sätzen („Bekenntnis zum Multilateralismus“, „gemeinsames Handeln“), wir wissen heute, dass so gut wie Nichts davon mehr Bedeutung hat.
Sie alle lauschten in der Elbphilharmonie den Klängen von Beethoven und den Versen von Schiller. Bei der Aufführung 1824 in Wien war die Restauration der alten Ordnung, nach Revolution und Napoleon, in vollem Gange. Die Herrschenden träumten vom Glanz der alten Zeit und der guten alten Unterordnung ihrer Untertanen. Mit der furiosen Musik im letzten Satz seiner Neunten schickte der bereits taube Beethoven einen Appell an die Herrschenden: „Alle Menschen werden Brüder, wo Dein sanfter Flügel weilt!“
Haben sie die Herzen der Herrschaften erreicht? Okay, man muss schon Deutsch können. Oder checkten sie auf ihren Handys, ob ihre Macht daheim noch gesichert? Ich weiß es nicht.
In der vorletzten Strophe von Schillers Gedicht heißt es:
Festen Mut in schwerem Leiden,
Hülfe, wo die Unschuld weint,
Ewigkeit geschwornen Eiden,
Wahrheit gegen Freund und Feind,
Männerstolz vor Königsthronen, –
Brüder, gält’ es Gut und Blut –
Dem Verdienste seine Kronen,
Untergang der Lügenbrut!
Im Rückblick müssten viele der Zuhörer damals in Hamburg im Boden versinken. Mit der Ewigkeit geschworener Eide oder der Wahrheit gegenüber Freund und Feind ist es nicht weit her. Letzterer gelten Kronen, der Lügenbrut aber bleibt der Untergang vorbehalten, dichtet Schiller. Wenn die letzten Akkorde der Musik Beethovens verklungen sind, muss eigentlich jeder Mensch innehalten und durchatmen. Mindestens drei jener Mächtigen haben Knöpfe in ihrer Reichweite, mit der sie uns alle auslöschen können. Ist das der Götterfunken, von dem sie träumen?
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