Vor ein paar Tagen starb Daniel Ellsberg, er ist 92 Jahre alt geworden. Sein Tod weckt Erinnerungen an das Jahr 1971, als er Geheimpapiere des Pentagon an die Öffentlichkeit schmuggelte und die Lügen der Johnson- und Nixon-Administration zum Krieg in Vietnam entlarvte. Ich war damals ein 16-jähriger Gymnasiast in der südwestfälischen Provinz.
Wikipedia hat zu einzelnen Jahren eine thematisch sortierte Chronologie erstellt. Sie durchzugehen ist wie eine Reise in entfernte Regionen des Großhirns. Ein Artikel in der New York Times weist aber daraufhin, dass unser Gehirn uns austrickst. Wir denken früher war alles besser und wollen vergangene Glorie zurück, politisch, privat und überhaupt.
Stimmt die Verklärung der Vergangenheit? Ach ja 1971: die Klassenfahrt unserer Unterprima nach Wien im September, die Apollo-Missionen 14 und 15, als uns der Mond wie ein Nachbargrundstück vorkam, Nixon in Peking und John Lennon’s „Imagine“.
Dann übers Jahr der Unabhängigkeitskrieg von Bangladesh und das berühmte „Concert for Bangladesh“ (August) im Madison Square Garden. Kurz vor Weihnachten 1971 wurde Bangladesh ein unabhängiger Staat (und 16 Jahre später für drei Jahre mein Dienstort für die UN).
Was noch? Der Haarerlass von Verteidigungsminister Helmut Schmidt für die Bundeswehr und die intensive Diskussion zur Reform des Paragraph 218 sind mir in Erinnerung. Von wegen alles besser: In (West)Deutschland gab es drei (!) schwere Zugunglücke mit zusammen fast 100 Toten. Dazu eine ganze Reihe von Flugzeugabstürzen in der Welt, bei einem winzigen Bruchteil der heutigen Flugbewegungen. Es gab erste Mordanschläge der RAF, aber auch Enttarnungen von rechten Untergrundorganisationen in der BRD.
Der Vietnamkrieg eskalierte, ebenso die öffentlichen Proteste dagegen, bei uns und in den USA. Politische Hoffnungen und ernüchternde Realität lagen also auch 1971 neben einander, kein Unterschied zu heute. Einzig von Klimakrise war noch nicht die Rede (obwohl Greenpeace 1971 gegründet wurde). Erst ein Jahr später kam mit dem Bericht des Club of Rome („Grenzen des Wachstum“) die Ökologie ins öffentliche Bewusstsein.
Wenn Parteien und einzelne Politiker – bei uns oder weltweit – die Zeit zurück drehen wollen, „als alles besser war“, dann Vorsicht. Es gab auch damals Fluchtbewegungen (allein aus Bangladesh nach Indien mehr als eine Million Menschen), es gab globale Armut versus einem vergleichsweise wohlhabenden Westen, das Versagen des sozialistischen Gegenmodells war immerhin absehbar. Aber große Imperien (Portugal z.B.) waren noch intakt, Spanien und Portugal Militärdiktaturen. Die Ost-West-Konfrontation war latent und bestimmte die (west)deutsche Innenpolitik. Die Sozialdemokratie in Westdeutschland blieb noch weitere zehn Jahre stark und deren Entspannungspolitik fand breiten Konsens. Von Neoliberalismus war überhaupt keine Rede, Briefträger und Schaffner blieben noch lange Staatsbeamte, wie überhaupt der Sozialstaat und die Bildungspolitik hohe Priorität hatten. Pünktlich wie die Eisenbahn war keine Ironie und die Bahn warb mit „Alle reden vom Wetter, wir nicht“. Die Presse bei uns, vom Fernsehen bis zu politischen (Print)Magazinen, war radikal aufklärerisch und hoch geachtet. Die letzteren Beispiele immerhin machen mich dann doch etwas nostalgisch.
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