Fortschritte bei der Entmenschlichung

In den Regressionen unserer Zeit geht es stetig weiter rückwärts. Die Bilder dieser Tage drängen sich wieder einmal ins Hirn und festigen sich dort. Dabei möchte ich den Sommer genießen und die Honigbienen im Garten beobachten. Sie fliegen aufgeregt von Blüte zu Blüte im Klee, der sich auf meinem Rasen breit gemacht hat.

Zeitgleich machen Bürger in Rostov-am-Don Selfies mit Schlächtern. Auf dem Weg nach Moskau haben die über Nacht ihre Stadt eingenommen und Panzer postiert. Figuren in Schwerstbewaffnung patrouillieren zwischen Straßenfegern und jungen Menschen im Sommer-Outfit, die neugierig mit ihren Handys hin- und herlaufen. Eine Szene an Absurdität kaum zu überbieten, erst recht, als der Spuk wenige Stunden samt einem Dutzend Toten später vorbei ist.

Während Politik und Medien bei uns ratlos von einem Meeting und einer Talkshow nach der andern wandern, um dem Ganzen eine wie auch immer geartete Zweckdienlichkeit abzugewinnen, lohnt es sich, die Faschismus-Analysen eines Timothy Snyder („Bloodlands“ oder „Black Earth„) anzuschauen. Man kann sie mit denen von Hannah Arendt kombinieren und gewinnt dabei Eindrücke über die Funktionen eines totalitären Systems aus Regierung, Militär, Privatarmeen und kombiniert mit oligarchischen Strukturen. Letztere beäugen sich gegenseitig, rivalisieren um die Gunst des Herrschers, von der sie abhängig sind. Bislang konnten sie sich mit dem ansonsten verteufelten Westen über Luxus-Jachten, Shopping Trips nach Genf, London oder Monaco verbinden und dem System zu Hause nach Belieben den Rücken kehren. Eben jenes System von Kleptokratie und Korruption, das ihre Existenz garantiert. Die Frage, wie das eine und das andere zusammen passt, kann man leicht mit einer Überdosis Wodka ertränken.

Die einfachen Leute Russlands werden verheizt oder der Armut – gleichsam als Dienst am Vaterland – überlassen. Wer ein wenig Grips hat, geht weg, wer Geld hat auch. Russen als Dauerurlauber auf Bali oder an den Stränden Thailands und der Südtürkei füllen die Lücken durch weg bleibende Touristen aus Europa aus.

Wer da bleibt, lässt den Machtkampf als Show unbeteiligt an sich entlang ziehen. Es reicht noch für ein Selfie mit dem Wagner-Chef. Laut Washington Post war man in Moskau selbst allenfalls besorgt, ob Straßenkämpfe von Söldnern und Armee den Sommer in der Hauptstadt durcheinander bringen würden.

Die Entpolitisierung ist vom Regime gewünscht, die Schlächterei jenseits der Grenze zur Ukraine kann dann ebenfalls ignoriert oder für patriotische Zwecke aufgehübscht werden. In der Region diesseits und jenseits des Dnjepr, die Snyder als „Bloodlands“ beschreibt, geschahen schon im Nazikrieg unsägliche Verbrechen, in einem Kampfgebiet zwischen Hitler und Stalin.

Unverdrossen suchen die Honigbienen auf dem Klee nach Nektar. Ich würde sie gerne fragen, was sie vom Leben halten oder von der Zukunft erwarten. Immer eine leckere Blüte vorm Auge und eine gute Honigernte, werden sie wohl summen. Ihr Staat funktioniert noch wie eh und je, die Monarchie hat sich bewährt. Sich gegenseitig bekämpfen fällt ihnen nicht ein. Aber ist da nicht eine Asiatische Hornisse im Anmarsch? Die sei ungefährlich, hört man. Aber besser schon einmal ein Sondervermögen zur Verteidigung auflegen.


Entdecke mehr von Full Circle

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

2 Gedanken zu “Fortschritte bei der Entmenschlichung

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.