Gemeint sind nicht Dom oder Rathaus, sondern eine Kneipe. In Zeiten schnellen urbanen Wandels verschwinden Orte oder verändern sich bis zur Unkenntlichkeit. Manche aber bleiben ewig gleich, wie etwa die Kneipe gegenüber meiner einstigen Wohnung in Aachen. Damals, vor 51 Jahren hieß sie „Oma’s Schnappshaus“ heute „Last Exit“ – aber sie ist immer noch am selben Ort. Und die Fenster meiner Wohnung zusammen mit meinem Kumpel Harry im dritten Stock sind es auch noch.
Alle 10 bis 20 Jahre führt uns der Weg nach oder durch Aachen. Und ein Stopp in der einstigen Stammkneipe muss sein, so auch heute. Wir fanden einen Parkplatz nahe dem Vorgarten, eine Art Karma. Im alternativen Spielzeugladen gegenüber erwarben wir ein Mitbringsel für den Enkel in Indien – das Karma beschleunigen, zumal uns viele indischen Studierende begegneten.


Vom Wintersemester 1974 bis zum Umzug nach Mainz im März 1978 war ich Student an der RWTH. Und damit wurde Aachen zum Lebensmittelpunkt, wie man ihn nur im Alter zwischen 20 und 24 empfinden kann. Richtung Westen ist Aachen die letzte Großstadt vor der Grenze zu Belgien und den Niederlanden. Meine Erinnerungen gehen zurück an jene Mit-70er Jahre mit Freundschaften und Feten, an technische Zeichnungen und Seminare, stundenlange Diskussionen über Gott und die Welt, an Hochämter im Dom und Weiberfastnacht am Rathaus. Und an „Oma’s Schnappshaus“.
Genau so hieß die urige Kneipe an der Straßenecke gegenüber meiner Wohnung. Mein Zimmer war zur Straße, das von Harry zum ruhigen Hinterhof. Dazwischen lag eine kleine Küche und ein Ofen, der beide Räume beheizte. Das Bad war eine halbe Treppe tiefer. Ich fand im Album noch ein Foto meines Zimmers.

Hinter jenen Fenstern im dritten Stock fielen zwei oder drei der Weichenstellungen, die mein Leben beinflussten: Im Winter 1975/76 entschied ich, das Maschinenbaustudium zugunsten eines „geisteswissenchaftlichen Faches“ aufzugeben. Thermodynamik, Werkstoffkunde oder Maschinenzeichnen waren nicht mein Ding. Ich wollte lieber in der Unibibliothek stöbern. Es war keine leichte Entscheidung mit vielen unintendierten Konsequenzen: Einstellung des Bafög drohte, Berufsperspektiven für Geisteswissenschaftler schon damals mau und überdies lag die ZVS dazwischen. Die wies mir einen Studienplatz in Bonn zu, aber ein Ortswechsel kam nicht in Frage. Wichtiger psychologisch: Wie kam ich aus der Maschinenbau-Nummer raus, ohne das Gefühl einer Niederlage.


Der beste Zeitpunkt zum Wechsel schien mir, wenn ich eine berüchtigte Matheklausur bestehen würde: Sie war bekannt als Ausschuss-Sieb für angehende Ingenieure. Ich bestand sie im Februar 1976 (bei einer Durchfallquote von 75 %) – die beste Gelegenheit mit einem Erfolgserlebnis auszusteigen. Ich nahm im Sommersemester 1976 Veranstaltungen der Philosophischen Fakultät wahr und konnte mich dann zum Wintersemester 1976/77 ins zweite Fachsemester einschreiben (den Bafög-Ausfall für ein Semester kompensierte ich mit Jobs).
Mitte in diesen Geschehnissen wollte ich mir die Perspektive als Journalist und Redakteur anschauen. Aachen hatte damals zwei Tageszeitungen: die Aachener Volkszeitung (konservativ) und die Aachener Nachrichten (liberal). Seit 2023 sind beide die AZ.

Ich machte mich eines vormittags im Frühsommer 1976 spontan auf zum Verlagshaus an der Theaterstraße, um einen Gesprächstermin auszumachen. Die freundliche Empfangsdame meinte, der Chefredakteur habe gerade Zeit. Es wurde ein tolles Gespräch, das mich motivierte die Flinte nicht ins Korn zu werfen – mit 22 bist Du für jeden Ratschlag dankbar. Er meinte, ich könne sofort als Volontär anfangen, aber er rate mir, ein abgeschlossenes Studium anzustreben. Die neuen Medien der Zukunft würde professionelles Personal in den Redaktionen erfordern. Eine kluge Weitsicht.
All das ging mir heute im Last Exit durch den Kopf, 50 Jahre später! Nun war Aachen legendär für urigen Kneipen, überall verteilt um den Dom und im TH-Viertel. Die Wahl fiel jedes Mal schwer. Damals wurde in Kneipen geraucht, man saß in zusammen gewürfeltem Mobiliar mit ebenso irrer Deko – konträr dem Style von Heute. Und Oma’s Schnappshaus war eine davon, nur Schritte entfernt von Bett, Tisch und Herd der Unterkunft.


Die Fotos zeigen den Blick von der Kneipe gegenüber auf unser Haus, das aus dem Jahr 1994 hat mir eine Bekannte geschickt.
Aachen lag und liegt an der Demarkationslinie von Alt und Kölsch, i.e. Düsseldorf und Köln. (An Pils aus Westfalen kann ich mich nicht erinnern.) Beides leichte, bekömmliche Biere, beim Preis von 1,10 DM oder später 1,30 DM erschwinglich – auch in größeren Mengen.

Webseite von Last Exit, Aachen
Last Exit ist in einen stylischen Diner mutiert, mit einem modernen Food Menu. Aber immer noch mit dem Blick auf meine Wohnung, in die bis spät in die Nacht der Lärm aus der Kneipe gegenüber hallte. Besser war, wenn man selbst dabei war.
Uns blieb nur eine Stunde an diesem Montagmittag, weil wir noch Belgien bis zur Küste Seelands durchqueren wollten. Aber Zeit genug in Erinnerungen einzutauchen, als die Welt offen stand und das Leben auch ohne Internet lebenswert war. Zum Telefonieren musste man übrigens – zuweilen durch den Regen – in eine Telefonzelle. Ohne „Kleingeld“ war kein Kontakt möglich. Und Alt ist von der Getränkekarte verbunden, Kölsch (0,2 l) liegt bei 2,5 € – etwas hat sich doch verändert!
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