Neulich im Fernsehen: Sven Schulze (CDU) wurde befragt, wie er die blaue Welle in Sachsen-Anhalt stoppen will. Anfang September sind dort Landtagswahlen. Jetzt liegt auf ihm die ganze Hoffnung der gesellschaftlichen „Mitte“, die in Magdeburg sogar die Linke mit einbezieht. Er soll den Sprung in den politischen Abgrund verhindern. Mitten in Deutschland, in einem Bundesland, das in der Bundespolitik kaum wahrgenommen und eher im Transit nach Berlin durchquert wird. Sachsen-Anhalt ist unser Nachbar, die Westgrenze gerade 15 km entfernt (fast überall aus unserem Teil Niedersachsens ist der Brocken sichtbar, siehe unten).

Irgendwie scheint es zu kitzeln, wenn man bei geheimer Wahl an der (Wahl)Urne mal seinen Frust rauslassen kann oder es denen mal zeigen will. Oder erklärt das gar nicht eine Strömung, die sowie so nicht auf Sachsen-Anhalt begrenzt ist, sondern ebenso bis in die Mitte der britischen Insel reicht? So sehen es fast 30 % in Deutschland und mehr als 40 % derzeit in Sachsen-Anhalt. In der Politik und gesellschaftlichen Verbänden müssten alle Alarmglocken läuten. Bei den Kirchen tun sie das schon, aber wer hört die noch?


Wenn die Nachrichtenagentur Reuters aus Halberstadt berichtet und den Lesern zum Beispiel heute (20.5.2026) in Singapur ein Stimmungsbild vermittelt, dann deuten sich Zeiten an, die ich weder in meinem Nachbar-Bundesland erleben will, noch in Berlin. Halberstadt, a town of some 40,000 inhabitants with a medieval cathedral and half-timbered old city, stands out from the grim image of decline still clinging to much of the former communist east, beschreibt der/die Reuters-Korrespondent(in) Halberstadt. Die Stadt in unserer Nachbarschaft gehört zum Standardausflugsziel für uns, weil sie eine ungeheure Menge an Geschichte und Kultur bietet.
Halberstadt – Brennglas deutscher Geschichte. Reiners.blog, 7.4.2025
Reuters zitiert den AfD-Kandidaten mit dem Satz, der die Stimmung auf den Punkt bringt: „People have simply had enough. They want their old, safe Germany back,“ he (Ulrich Siegmund, der AfD-Spitzenkandidat, rj) told Reuters as supporters waited for selfies after an event in the town of Halberstadt last week. „There’s a wonderful sense of a new beginning in the state. And that’s exactly what we need.“
Der propagierte Neubeginn ist also der zurück in die wohlige Wärme eines alten, sicheren Deutschlands. Es zwickt hier, dem Zynismus und der Ironie freien Lauf zu lassen. Aber einer nationalistischen Wohlfühlpolitik müssten überzeugende, verständliche, rationale Argumente gegenüber gesetzt werden. Dafür scheinen die Parteien der Mitte keine Zeit oder keine Mühe aufzuwenden.
„I like the fact they want to do something for us Germans,“ said R.P., among hundreds who came to hear Siegmund. „Everything’s getting more expensive. And nobody is doing anything right. When I look at fuel prices and what the government has done, it’s a disaster.“
Dass auch die AfD die Straße von Hormuz nicht öffnen kann, dass eine Russland-Politik beschränkt auf deutsche Erdgas-Interessen Abhängigkeiten zementiert, dass nicht der Staat in Arbeitsplätze investiert, sondern kleine und große Unternehmen (denen in Sachsen-Anhalt die Fachkräfte auf allen Ebenen fehlen), alles sehr mühsam und komplex.

Es bedarf eines positiven, optimistischen Welt- und Gesellschaftsbildes. Nicht blühende Landschaften versprechen, blühende Vorgärten würden schon helfen. Sonderprogramme für die alten Grenzregionen, Kulturtourismus zum Beispiel, oder befristete Subventionen für Pendler (Sachsen-Anhalt hat sich jahrelang als „Land der Frühaufsteher“ bezeichnet), Förderung von Handwerk (die Bördelandwirtschaft profitiert von der EU in Brüssel, sagt das jemand?) und Kleinbetrieben, Ausbau von Kitas und Schulen. Solch politisches Mikromanagement ist mühsam und bringt wenig überregionale Schlagzeilen. Türklinken putzen, wer macht das in den Ortsvereinen noch?
Ganz im Süden jenseits der Stadtgrenze Halberstadts liegt die Zentrale Aufnahmestelle für Flüchtlinge in Sachsen-Anhalt. Die Politik hat 2015 anscheinend unterschätzt, wie unvorbereitet die 40.000 Einwohner-Stadt auf den Zuzug einer großen Zahl von Geflüchteten war – einer Stadt, die ihren eigenen Wandel noch nicht annähernd bewältigen konnte. Ein fruchtbares Feld für Agitatoren, die alle Probleme den Schutzlosen zur Last legt.

Gleich hinter dem Wald und den Bergen, in die Häftlingen in den letzten Jahren des Zweiten Weltkrieges ein Tunnel system graben mussten, Luftlinie nur einen Kilometer entfernt, liegt die Gedenkstätte KZ Langenstein. Aber die Mahnung an einem Mahnmal erreicht wohl nur noch Wenige.
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