
Es war nur ein 24-Stunden-Transit, und dafür war auch das Visum in meinem Pass: ein Tag in Sofia mit Janko. Ein solches Visum war damals leicht zu bekommen. Den jungen Bulgaren in meinem Alter hatte ich 13 Monate vorher im Zug von Belgrad nach Budapest kennen gelernt. Das war im August 1975. Wir hatten ein Jahr intensiven Briefkontakt. Auf dem Weg in den Orient im September 1976 beschloss ich, seine Einladung anzunehmen.
Es war mein erstes und bislang einziges Mal in Bulgarien. Aus einem digitalisierten Super 8-Film, den ich über die Reise 1976 gedreht habe, konnte ich einzelne Frames exportieren und sie hier in WordPress mit KI bearbeiten lassen. Ich habe im Folgenden versucht mittels Google Street View und Screenshots das Sofia von 1976 dem von 2026 gegenüber zu stellen.

Mein Zug aus München kam abends in Sofia an, Janko holte mich auf dem modernen Zentralbahnhof ab. Wir fuhren in seine Wohnung und die seiner Eltern. Nach einer kurzen Pause gab es „Sofia at night“ – wie mein Tagebuch vermerkt (20.9.1976): „Eine Stadt mit typisch sozialistischen Gepräge, aber sehr schön.“ Höhepunkt war ein tolles Abendessen in einem gemütlichen Restaurant im Zentrum.



„Sofia, Dienstag, 21.9.1976: Dank Jankos ausgezeichneter Führung habe ich die Stadt – eine weitere in der Sammlung europäischer Metropolen – kennen gelernt. Die markanten Punkte der Stadt haben wir besucht, so die Alexander Newski-Kirche …


… oder das Dimitrov-Mausoleum und die dortige Wachablösung. Es ist müßig hier ausführlich zu beschreiben. … Janko ist als Bürger natürlich stolz auf seine Stadt. Und Sofia bietet auch allen Grund dazu. Allerdings gibt es für westliche Verhältnisse doch noch viel Unterschiede und Unzulänglichkeiten. … Immerhin ein gewisses weltstädtisches Fluidum ist nicht zu verkennen.„
Wachablösung am Dimitrov-Mausoleum
Janko erzählte mir von Georgi Dimitrov und sein Bezug zu Deutschland, während wir an der Straße vor dem Mausoleum auf die Zeremonie warteten. Dimitrov gehörte zur Komintern und war der Mittäterschaft beim Reichstagsbrand in Berlin im Februar 1933 angeklagt. Beim Prozess verteidigte er sich so wortgewandt und mutig, dass er freigesprochen wurde. Nach dem Krieg wurde Dimitrov erster Ministerpräsident Bulgariens. Mit der demokratischen Revolution 1990 war sein Charisma verloren und seine Rolle im Stalinismus wurde überaus kritisch bewertet. Das Gebäude, so erfuhr ich über Wikipedia, wurde 1999 abgerissen (kein Wunder, dass es bei Google Maps nicht zu finden war).



Sofia Zentralbahnhof, 21.9.1976 (18.30 Uhr): Ich habe mich von Janko verabschiedet. Er hat mir viel von Sofia gezeigt. Ich warte jetzt auf den ‚Tauern-Orient‘ für die Nachtfahrt nach Istanbul. … Janko musste in den Semesterferien 4 Wochen ‚freiwillig‘ in einer Bau-Brigade in Varna am Schwarzen Meer arbeiten. Seine Eltern machten dort zur gleichen Zeit Urlaub. Nur für meinen kurzen Besuch ist er nach Sofia gekommen – und hat extra dafür frei bekommen. Und auch er fährt heute Nacht zurück!“












Beim Erforschen Sofias via Google Street View fällt vielleicht auf, dass sich im Zentrum viel aus der sozialistischen Ära erhalten hat – historische Gebäude allemal – aber dass es auch eine gewisse „Kontinuität“ gibt: Die Fassade des Grand Hotel Sofia ist heute die des InterContinental-Hotels. Das Gebäude links davon scheint unverändert.


Bulgarien ist heute in der EU und seit Januar diesen Jahres im Euro-Raum. Was aus Janko geworden ist, weiß ich nicht. Wir verloren den Kontakt und seine Briefe von 1975/76 habe ich sehr zu meinem Ärger erst vor ein paar Jahren geschreddert.
So bleibt die Erinnerung an 24 Stunden als sein Gast in Sofia. Er wird heute vielleicht irgendwo in seiner Heimatstadt auf der Parkbank sitzen und den Lebensabend genießen.
Entdecke mehr von Full Circle
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Erstaunlich, wie viel noch so ist, wie damals. Und ein Wunder, dass ihr euch am Bahnhof treffen konntet, ohne Mail oder Handy, nur mit einem Brief als Ankündigung.
LikeLike
Da hast Du Recht 😊. Aber es stieg aus dem Zug kaum einer in Sofia aus. Es war ja ein Ostblock- Transitzug. Die Post hinter den Vorhang nach Bulgarien war zuverlässig, aber wir haben politische Themen umgangen ( meine ich mich zu erinnern.).
LikeGefällt 1 Person
Ich mag solche Früher-Heute-Vergleiche, die Jahre gehen dahin, politische Systeme stürzen … aber im Großen und Ganzen … scheint sich nicht so viel verändert zu haben
LikeLike
Was die Bausubstanz betrifft ganz sicher. Mich hat die Sicht auf Dimitrov überrascht.
LikeLike