Endlose Diskussionen um die Reform unseres Gesundheitssystem verstellen den Blick auf den Rest der Welt. In den USA zum Beispiel ist die MAHA-„Bewegung“ (Make American Healthy Again) unter einem Kennedy-Sprössling dabei, das System auf den Kopf zu stellen: reproduktive Gesundheit und Impfungen sind im konservativen Denken wie eine Sache des Teufels (gemeint: des liberalen Geistes). Darauf wollen sich andere Länder nicht verlassen.
Im auch übertragenen Sinne fruchtbaren Bangladesh habe ich in den drei Jahren meiner Tätigkeit für das UN-Entwicklungsprogramm und dem UN-Bevölkerungsfonds Ende der 1980er Jahre einen Einblick in die Bedeutung eines landesweiten vom Staat administrierten Gesundheitsystem kennen gelernt. Diese Arbeit war weit weg von den shining projects und white elephants anderer Entwicklungsarbeit, wie etwa große Brücken, industrial development zones oder Container Terminals.
Sie erforderte (und erlaubte) Einblicke in Entscheidungen von Familien und Paaren, aber auch in die Hürden eines administrativen Systems im größten Delta der Erde mit damals schon weit mehr als 100 Millionen Menschen. Mit internationaler Hilfe (UN, bilateral, u.a. Deutschland, Japan, die USA/USAID) wurde ein landesweites System von Familienplanungszentren eingerichtet. Verhütungsmittel spielten eine ebenso große Rolle wie Müttergesundheit und Grundimmunisierung von Neugeborenen. Über Hilfe des Auslandes war die Versorgung mit Pillen und Kondomen, mit Impfstoff und Hebammen-Ausbildung gesichert. Der Staat sorgte für die Infrastruktur und das Personal.
Argument: je besser die Überlebens-Chancen für Neugeborene, je weniger risikoreich Schwangerschaften für Frauen sind, umso geringer ist der Wunsch mit vielen Kindern die Altersversorgung der Eltern zu sichern. Birth spacing statt birth ‚control‘ war eines der Argumente in einer traditionellen ländlichen und durch den Islam geprägten Gesellschaft (wobei es kaum einen Unterschied zur ebenso konservativ geprägten Gesellschaft etwa auf den Philippinen gab). Tatsächlich konnte die sogenannte Fertilitätsrate in den Jahrzehnten seit der Staatsgründung starkt gesenkt werden (von mehr als 6 auf knapp 2 Kinder, im landesweiten Durchschnitt).
In den vergangenen Jahren ist diese Leistung des Gesundheitssystems erodiert, wie ein Beitrag heute in der in Dhaka erscheinden Zeitung THE DAILY STAR illustriert.
How poor governance broke Bangladesh’s immunisation model. The Daily Star, Dhaka, 22.4.2026
Poor governance – dahinter versteckt sich Korruption oder schlicht Untätigkeit der Behörden – haben vor allem das Impfsystem geschädigt. Gerade Impfstoffe sind in einem feucht-heißen Klima von effizienter Logistik abhängig. Das gilt auch für Mittel der Familienplanung. Jetzt fällt USAID komplett aus und internationale Lieferketten brechen zusammen. Für Länder wie Bangladesh aber auch in Afrika hat das unmittelbare Konsequenzen für Kindersterblichkeit und Fertilitätsraten.
World’s biggest condom maker set to raise prices due to Iran war. BBC.com, 22.4.2026
Der neoliberale Geist (etwa: freie Wirtschaft hilft Lebensstandards zu heben und senkt Fertilität automatisch) ignoriert, dass der Staat im Bereich Gesundheit (und übrigens auch Bildung) zentrale Aufgaben hat. Sie müssen finanziert werden, aus Beiträgen, aber mehr noch aus Steuern. Es sind Aufgaben der Gesellschaft insgesamt. In Zeiten von Aufrüstung wird leicht übersehen, dass ein Staat auch andere Aufgaben hat als Panzer und Raketen. Das gilt bei uns wie auch in solchen Ländern, in denen sich Potentaten gern mit Armeen schmücken.
Der wirtschaftliche Aufschwung in Bangladesh wäre ohne diesen Hintergrund nicht gelungen. Jetzt das Gesundheitssystem verkommen zu lassen, wäre genau die falsche Strategie.
Webseite des United Nations Population Fund (UNFPA)
Titelfoto: aus Cox’s Bazar, Bangladesh. Quelle: UNFPA
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