Neulich war Ahmed al-Scharaa, der amtierende Präsident Syriens, zu Besuch in Berlin. Das hätte man sich 2015 nicht einmal träumen lassen.
Der Übergangspräsident ist nicht unumstritten – aber laut US-Präsident ein tough guy – has to be. Er ist nun einmal an den Hebeln der Macht, und sein Weg dahin war tatsächlich tough. Mit ihm haben wir es nolens volens zu tun, wenn es um Syriens Zukunft, vor allem den Wiederaufbau geht.
Ich hatte eher zufällig Gelegenheit bei Phoenix die Pressekonferenz nach dem Treffen mit Bundeskanzler Merz zu verfolgen. Al-Schaara war ganz Staatsmann, gut informiert und Wort gewandt. Er, der ex-Kämpfer, stellt sich ein prosperierendes, verfassungskonformes Land vor. Es könne eine Brücke zwischen dem Persischen Golf und dem Mittelmeerraum werden – eine Rolle, welche die Levante seit eh und je spielte.
Unsere Politik zum Schutz von Flüchtlingen hat uns zu einer „Außenstelle“ Syriens gemacht: Die Zukunft des Landes ist irgendwie auch unsere: syrische Ärzte, syrisches Pflegepersonal, Handwerker allenthalben. Hier gebraucht, aber dort auch. Ich habe vor zehn Jahren eine syrische Familie aus Aleppo betreut: drei Geschwister, zwei Brüder und ihre Schwester mit ihrem Mann und drei kleinen Kindern. Der 15-jährige Bashar fiel irgendwo dazwischen und eine lokale NGO bat mich, ihn zu betreuen. Seine Lehrerin an der Berufsschule wohnte in der Nachbarschaft. Er liebte Fußball und Autos – ich nahm ihn mit in die Autostadt. Der Bugatti-Pavillion verzückte ihn. Später machte er ein Praktikum bei einer lokalen Autowerkstatt.
Sein ältester Bruder hatte es 2011 schon nach Dubai geschafft. Dort verabredeten wir uns im Dezember 2018: ein feiner Kerl, mit einer Frau aus den Südphilippinen. Wir trafen seine Mutter, die aus Aleppo zu Besuch war, samt dem Kleinsten der Familie.
In Deutschland liefen alle Bemühungen der Familienzusammenführung. Sie gelang Ende 2019 über Beirut: Eltern, vier ihrer Kinder und drei Enkel waren vereint. Der Älteste blieb in Dubai und hatte inzwischen einen kleinen Sohn. Im Dezember 2019 besuchten wir die Familie dort noch einmal.
Der syrische Präsident hat sich bei seinem Besuch in Deutschland bedankt, dafür dass so viele Landsleute hier gut aufgenommen wurden. Muss auch mal gesagt werden. Statt über Migrationsprobleme zu jammern, sollte man stärker die Leistung an Integration loben.
Es ist 50 Jahre her, seit ich Syrien besucht habe. Ein Bekannter unserer Familie in Südwestfalen lebte in Homs. Hafez hatte in Bonn Politologie studiert und war jahrelang an der syrischen Botschaft angestellt. Zurück in Homs mit seiner deutschen Frau war er ins Geschäftsleben eingestiegen. So traf ich ihn im Oktober 1976 und verbrachte Tage mit intensiver Diskussion. Einer seiner Schwäger, ein einflussreicher Bauunternehmer, konnte es nicht glauben, dass ich mit Rucksack alleine von Khuzistan im Südiran durch iranisch und türkisch Kurdistan in einem Bogen nach Syrien gekommen war. Mir als damals 21-Jähriger erschien das als nichts Besonderes.
Mit dem Orient-Express. Reiners.blog, 21.5.2023
Ich habe aus einem digitalisierten Super-8-Film hier einige Bilder exportiert – mehr schlecht als recht. Aber sie mögen Eindrücke wieder geben.












Homs und Damaskus standen ganz unter dem Eindruck des libanesischen Bürgerkrieges (1975-1990; der Wikipedia-Artikel dazu illustriert sagen wir die Komplexität der damaligen Lage). Die Städte waren voller Flüchtlinge, überall Militär. Es gab einige Tage vor meiner Ankunft in Damaskus ein Attentat im Semiramis-Hotel (grau-braune Fassade im Foto oben links): Am 26. September hatten vier Männer das Hotel Semiramis im Zentrum von Damaskus angegriffen und 90 Geiseln genommen. Nach sieben Stunden Kampf wurden sie von syrischen Truppen überwältigt. Am nächsten Tag wurden drei Überlebende gehängt. Das war die Lage und Hafez war ehrlich besorgt um mich.
In einem Hotel im Zentrum unweit des Semiramis teilte ich das Zimmer mit einem älteren Libanesen, der nur wenig Geld aus der Heimat (er kam aus Tripolis) mitgenommen hatte – wie ich. Ich kann mich nicht an viel mehr erinnern, da wir uns nicht unterhalten konnten und ich tagsüber in der Stadt unterwegs war.
Am Tag vor dem Rückflug von Damaskus nach Frankfurt (Lufthansa ersetzte die geplante Zwischenlandung in Beirut durch eine in Istanbul) fasste ich in meinem Tagebuch die Lage zusammen:
Damaskus, 15.10.1976: Der letzte Tag ist angebrochen. Morgen um die Zeit bin ich auf dem Rückflug. …. Von Damaskus bin ich enttäuscht. Zwar waren der Basar und die Omayaden-Moschee sehenswert, aber ansonsten ist die Stadt dreckig und arm. Ich habe in einer Stadt noch nie ein verwahrlosteres Zentrum gesehen als das vorm „Semiramis“. Keine Informationsmöglichkeiten über die Stadt, überall Militär (der Zugang zur Post wurde mir wegen der Tasche höflich aber bestimmt mit einer Kalaschnikow verwehrt), staubige und aufgerissene Bürgersteige, keine guten Restaurants. Gut immerhin die beiden Kaffeehäuser, in denen ich mich herum treibe. …
Ich möchte ein Resümee ziehen aus einer Woche Syrien. Kein Zweifel: der Nahe Osten spielt in der Weltpolitik eine entscheidende Rolle. Da unsere Informationen in Deutschland immer etwas mehr dem israelischen Standpunkt entsprechen, war es für mich interessant, einmal die andere Seite kennen zu lernen.
Erste Feststellung: Die Syrer sind kein Volk, die jeden einzelnen Israeli massakrieren möchten.Zweite Feststellung: Trotz vieler sozialer Mißstände sind die Syrer aufgrund ihres historischen Geschäftssinns in der Lage, sich selbst zu helfen. Dritte Feststellung: Trotz neuerlicher Verbesserungen könnte die Regierung besser handeln. Vierte Feststellung: Syrien ist wirklich an einem Frieden mit Israel, besonders aber im Libanon interessiert.
In der „Jordan Times“ laß ich gestern einen interessanten Kommentar zur Lage der Araber heute. Einige wahnsinnige Terroristen, zugegeben Produkt der aggressiven Lage, habe die ganze arabische Welt unglaubwürdig gemacht. Aber auch die tausend Querelen eines jeden mit einem anderen tragen nicht zur gewünschten Einheit bei. Wie schon erwähnt: Für mich sind die Großmächte die eigentlichen Drahtzieher der ganzen verworrenen Lage im Nahen Osten. Es ist einfach merkwürdig, wie sehr sich die beiden hier aus dem Wege gehen.
Speziell im Libanon: Wohl nur die oft naiven Deutschen glauben, dass Libanon ein Religionskrieg ist. Die Libanesen wollen nur Ruhe und Frieden im Lande. Ich habe das Gefühl, die „linken“ Palästinenser wollten die Gelegenheit nutzen, den lange geforderten Staat im schwachen Libanon zu errichten. Dagegen ist Israel, deshalb mischt es im Süden ungestört mit. Deshalb duldet es auch stillschweigend die syrischen Aktivitäten, die sich ja gegen die Palästinenser richten. Warum aber die Syrer, die doch immer big friend der PLO waren, das getan haben, ist rätselhaft.
Das sie vor der Haustür Ruhe haben wollen, ist klar. Aber das hätten sie ja auch auf verschiedene andere Weisen erreicht. Es mögen wohl ökonomische Gründe sein. Der Libanon wie er war, war für die Syrer etwas wie die Schweiz in Europa. Wenn den nahöstlichen Ländern nämlich Gefahr droht, dann ist es der wirtschaftliche Ruin durch Finanzflucht. Aber eine „Schweiz“ vor der Tür hielt die Geschäftsleute bei Laune.
Die Zukunft allerdings ist fraglich. Die Situation wie sie war, wird nicht wiederkommen. Annektiert Syrien den Libanon vollständig, kommt die UNO. Und die Palästinenser sind immer noch da. Solange sie nicht ihr Recht bekommen, so lange ist der Nahe Osten ein Gefahrenherd. Und so lange der existiert, bleibt die ganze Welt ein ökonomischer Wackelpudding.
Soweit die „Reflexionen“ eines 21-Jährigen, im Oktober 1976. Der Bürgerkrieg dauerte noch weitere 14 Jahre, Syrien annektierte zwischendurch den Libanon. Das Assad-Regime (Vater, später Sohn) wurde immer autoritärer und gewaltbereiter. Der Rest ist Geschichte.
50 Jahre später wirkt alles wie damals (nicht umsonst heißt mein Blog Full Circle): Israel interveniert wieder mal im Libanon, wieder fliehen Menschen aus dem Libanon nach Syrien. Ein Hoffungsschimmer: fast eine Million Syrer haben unseren Staat und unsere Gesellschaft kennen gelernt. Vielleicht ist das die Grundlage, um ihr Land neu aufzubauen.
Titelfoto: Omayyaden-Moschee in Damaskus, pexels.com
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