Während irgendwo Marschflugkörper und Bomber unterwegs sind und Lieferketten zum Erliegen kommen, bleibt bei uns keine Zeit, um grundsätzlich über Wohl und Wehe von Künstlicher Intelligenz nachzudenken.
KI-Unternehmen Anthropic verklagt US-Regierung. SPIEGEL online, 10.3.2026
Nur am Rand wurde in deutschen Medien der Konflikt zwischen dem Pentagon und Dario Amodei diskutiert. Der Gründer der Firma Anthropic, deren KI Claude bereits vom US-Kriegsministerium (die Umbennung in Department of War war konsequent) eingesetzt wurde, sollte für künftige „militärische Exkursionen“ beschafft werden. Amodei aber weigerte sich, dies ohne ethische Schranken (guard rails) für Claude zu tun, die eine KI bei autonomen Handlungen steuern müsse. Das Kriegsministerium wollte sich aber in der Nutzung von Claude im Krieg nicht von Anthropic reinreden lassen und kündigte den Vertrag, ja drohte sogar mit existentiellen Konsequenzen für Anthropic. Da sprang OpenAI (ChatGPT) mit Sam Altman ein. Das Pentagon war’s zufrieden.
Pentagon ban of Anthropic faces judge; Claude AI maker seeks injunction. CNBC.com, 24.3.2026
Dies zum Hintergrund. Dario Amodei wurde so zum Protagonisten einer Diskussion darüber, ob KI ein Bewusstsein über sich selbst entwickeln kann. Mitten im Chaos der aktuellen Krise und des Krieges in Mittelost widmet die Tageszeitung THE STATESMAN in heute Kolkata auf der Kommentarseite einem Wirtschaftsprüfer mit Interesse an alter indischer Philosophie (so die Fußnote zum Autor T. Kannan) Raum für eine solche Diskussion:
Witness and the Machine. The Statesman, 24.3.2026
Hier schon mal großes Lob für die bengalische Tradition von Esprit und Kultur! In der Einleitung zum Artikel heißt es:
„Wenn der CEO eines der weltweit einflussreichsten KI-Unternehmen öffentlich zugibt, dass er die Möglichkeit eines Bewusstseins seines Chatbots nicht ausschließen kann, verdient diese Aussage mehr als nur Schlagzeilen“ schreibt Kannan. „Dario Amodei … erklärte im Februar 2026 gegenüber der New York Times: ‚Wir wissen nicht, ob die Modelle ein Bewusstsein haben‘ und er sei der Idee gegenüber weiterhin aufgeschlossen. Laut dem technischen Dokument seines Unternehmens schätzte Claude auf Nachfrage die Wahrscheinlichkeit für Bewusstsein auf 15 bis 20 Prozent.“
Kannan bezweifelt, ob die Protagonisten von Bewusstsein bei KI in den passenden Kategorien denken. Die „funktionale Architektur“ von LLMs möge Verhalten trainieren, könne aber nie „Erfahrung“ im philosophischen Sinne (experience) vermitteln. Er geht dabei zurück auf zwei Kategorien aus dem Text des Samkhyakarika, einer Philosophie aus der Gupta-Periode (4. Jhd.): „Purusha, das beobachtende Prinzip, das niemals handelt und doch Erfahrung ermöglicht, und Prakriti, das gesamte Feld des materiellen Werdens – das nicht nur Flüsse und Felsen umfasst, sondern auch den Geist, den Intellekt und das Ego.„
Prakriti beschreibe alles, was unsere Existenz abbildet oder definiert. In diesem Verständnis sei selbst unser Ich Bestandteil der materiellen Welt. (Erst recht KI, füge ich hinzu.) Letztere aber werde nie Purusha simulieren können.
„Ein Sprachmodell (large language model, LLM als Basis von KI, rj) bleibt stets von den Schwankungen unberührt; es ist nichts anderes als deren künstlich erzeugte Kaskade. Die tieferliegende Frage ist, ob die Gesellschaft noch zwischen einem Instrument, das Intelligenz erzeugt, und einem Subjekt, das Erfahrungen macht, unterscheiden kann.
Amodeis intellektuelle Redlichkeit spricht für ihn; er erkennt an, was viele Techtypen lieber ignorieren. Doch sein grundlegender Fehler – und der grundlegende Fehler jeder computergestützten Theorie des Geistes – ist ein Kategorienfehler: die Annahme, dass ausreichend komplexe Informationsverarbeitung konstitutiv für Erfahrung sei.“
Wenn Dich also Deine KI, von Claude, über ChatGPT bis DeepSeek mit „ich“ anspricht, ist das kein Indiz für Bewusstsein. Sie simuliert nur ein Ego, aber das tut sie clever und scheinbar intelligenter als unsereins – weil die Datenspeicher ihr schnelleren Zugriff auf digitales Wissen ermöglichen als es unser Gehirn vermag.
Aber den Zustand von Purusha kann eine KI nie erreichen. Um es in der abendländischen Philosophie zu formulieren: Sie wird nie eine Seele haben. Unheil aber kann sie auch ohne anrichten. Daher hat der Anthropic-Chef eine wichtige Diskussion angeregt.
Entdecke mehr von Full Circle
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.
