Der Mensch ist ein empathisches Wesen. Es zeichnet ihn aus, dass er über die Familie und Nachbarschaft hinaus Gefühle von Mitleid und Solidarität für seine Spezies empfinden kann. Unser Verständnis von Humanismus basiert darauf. Von diesem Gefühl lässt sich der Mensch leiten, wenn er von Thomas G. und seiner Erkrankung hört, oder der von Charles oder Kate. Ganze Redaktionen des Boulevard leben davon.
Unter die Medien-„Räder“ kommen Schicksale, die eigentlich sehr viel mehr Empathie verdienen. Es sind die zum Beispiel von jungen Soldaten im Krieg, der uns nur noch über abstrakte „Friedensverhandlungen“ mit zweifelhaften Intentionen erreicht. Wer will schon was wissen von der Lage an der Ostfront? Heute müsste ein Erich Maria Remarque „Im Osten nichts Neues“ schreiben. Das tuen dafür die Nachrichtenagentur Reuters und das Investigativ-Portal Bellingcat, mit zwei eindrucksvollen und medial gut aufbereiteten Reportagen.
In der Ukraine haben die Reuters Reporter eine Gruppe von 11 Freiwilligen über eine längere Zeit begleitet. Bellingcat hat das kurze Leben eines jungen Kosaken an der russischen Front recherchiert. Die Sinnlosigkeit des Krieges kann nicht besser illistriert werden.

Ukraine
Pavlo Broshkov (20) ist nach drei Monaten an der Front verwundet Zuhause in Odessa. Alle 11 Freiwillige, welche die Reuters-Reporter über einige Zeit begleitet haben, sind von der Front zurück: tot, vermisst oder verwundet.
(eine aufwendige Reportage über das Schicksal junger Ukrainer im Krieg)

Russland
Wie der 19-jährige Oleg aus Saratov am 10. Februar 2025 an der russischen Ukraine-Front den Tod fand. From School to Battlefield to Grave. How Russian Cossacks drive young people to war. Bellingcat.com, 5.12.2025
(eine eindrucksvoll gemachte Dokumentation auf der Basis russischer Social Media Accounts)
Aber auch weiter weg, sogar an exotischen Urlaubszielen, spielen sich Tragödien ab. Sie fallen meist unter „ferner liefen“ und werden uns in abstrakten Zahlen gemeldet, 1.000 Opfer hier, 2.000 Opfer da. Im Indischen Ozean gab es vor knapp drei Wochen den ungewöhnlichen Fall dreier Zyklone zur gleichen Zeit. Nicht ihre Windstärke war es, sondern die ungeheuren Regenmassen, die an der Westküste Sumatras, an der Ostküste in Südthailand und im Bergland Sri Lankas herunter kamen und Erdrutsche verursachten.
Die New York Times hat nahe Kandy eine Familie besucht, die über drei Generationen dort gesiedelt und alles verloren hat.

Sri Lanka
Ein winziges Dorf bei Kandy im Hochland von Sri Lanka wird von einem Erdrutsch begraben. Der Beitrag schildert die Familientragödie von Sivakumar Gopal nach dem Zyklon „Ditwah“ Anfang Dezember 2025.
(am Beispiel einer singhalesisch-tamilischen Familie wird deren Schicksal nach einer Naturkatastrophe gezeichnet)
In der Tageszeitung The Daily Star (Dhaka) erschien eine Serie von fünf Reportagen über umweltbedingte Migration – innerhalb Bangladeshs und jenseits seiner Grenzen. Es revidiert das in Europa vorherrschende Bild über push– und pull-Faktoren der Migration. Spoiler: unser Wohlfahrtsstaat gehört nicht dazu!

Bangladesh
Reportage über das Schicksal des Bauern Matiur Rahman (Anfang 40) in einem Dorf bei Shyamnagar im Südwesten Bangladeshs, der den Ruin seiner Mühen, Investitionen und Lebensarbeit nicht verhindern konnte und als Rikshaw Puller in Dhaka endete.
(letzter Beitrag aus einer Serie von fünf Reportagen über den Zusammenhang von Umweltveränderungen und Migration in den Küstenregionen von Bangladesh)
Fußnote: Das Verlagsgebäude der Tageszeitung The Daily Star in Dhaka (von mir auf diesem Blog oft zitiert) wurde vor einigen Tagen von einem protestierenden Mob niedergebrannt. Die Printausgabe der Zeitung kann bis auf Weiteres nicht erscheinen.
A DARK DAY FOR INDEPENDENT JOURNALISM. The Daily Star Dhaka, 19.12.2025
Reporter recounts ordeal inside Daily Star building. The Dawn, Karachi, 20.12.2025
Das hier sollen nur Beispiele sein. Es sind seriöse Quellen und dazu gut recherchiert, die ein Schlaglicht auf Schicksale werfen, welche zwischen Glühwein und Weihnachtsstress keine Chance auf unsere Empathie haben.
Titelfoto: Landarbeiter an einer Straße in Kurigram, im Norden Bangladeshs (Frühjahr 1989)
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