Gedanken aus dem Osten

Demoskopisch bin ich hier im AfD-Land. Für die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt im September 2026 sagen die Wahlforscher ein Ergebnis um 40 % für die Blauen voraus. Die SPD zum Vergleich muss um den Einzug in den Landtag bangen.

Davon ist hier am Oberlauf der Aller nichts zu spüren. Und ich bin buchstäblich hautnah dran. Der große Reha-Komplex liegt einsam zwischen Feldern und Wäldern, Therapeut(inn)en sind meist aus der Gegend, die Gäste zu 90 % aus der Region östlich der „alten Grenze“. Die liegt 10 km Luftlinie hinter dem großen Wald im Westen und ist wie bei allen „Übergangsstellen“ mit einer Tafel zur Wiedervereinigung markiert.

Die Leute sind freundlich, geradezu herzlich und down-to-earth. Ich versuche Gespräche zu führen, mehr Smalltalk als politische Philosophie. Aber einige sind erstaunt, dass ich diesen Winkel am Oberlauf der Aller nicht kenne. Gleichwohl haben sie sich auch nicht in meine Heimat 70 km entfernt verirrt. Als ich erwähne, dass Stendal in der Altmark als Heimat eines großen Geistes der deutschen Kulturgeschichte berühmt sei, werde ich verwundert angeschaut.

Wenn also hier nicht ein Ministerpräsident der AfD mit den klassischen Parteien als Juniorpartner regieren soll, dann müssen die sich was einfallen lassen. Welcher Politiker aus Berlin verirrt sich nach Haldensleben oder Schönebeck? Überhaupt die Capitale: von hier wurde einst ideologisch die Leitlinie vorgegeben, heute sieht man dort eine Medien- und Politikelite, die sich herzlich wenig um den Alltag im Land zu kümmern scheint. Wer hört schon MDR Kultur oder den Deutschlandfunk? Hier ist SAW- oder Radio Brocken-Land. 5G ist sporadisch vorhanden, wie mir mein mobiler Hotspot meldet und mich von der Speicherfunktion des Blogs abhält.

Die Leute wollen Ernst genommen werden. Politik der kleinen Schritte, Problemlösungen aus dem Alltag und vorallem: abliefern. „Der Worte sind genug gewechselt“ mag man hier denken, ohne dabei den Dichter zitieren zu wollen.

Das Reha-Tagebuch


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