Die deutschen Kleinstädte(r)

Ach, die Stadtbild-Diskussion: In Deutschland kann man leidenschaftlich über Begrifflichkeiten und Angedeutetes streiten. In meiner Stadt prägt Fachwerk das Stadtbild. Klar, dunkle Gestalten gibt es überall (vielleicht der Nachtwächter, der die Laternen anzündet?), aber ich hätte nichts gegen einen Laden mit Turkish Delights oder buddhistischen Kapellen mit Räucherstäbchen zwischen Tschibo und Fielmann. Wie ich auch nichts gegen Wegkreuze oder Andachtsstationen habe.

August von Kotzebue (1761-1819) hat im gleichnamigen Lustspiel die Provinzialität und Kleinkariertheit seiner Landsleute aufs Korn genommen – als Napoleon schon durch die Lande zog und die alte Ordnung durcheinander brachte (Uraufführung in Wien 1802). Seine Kleinstadt heißt Krähwinkel, der Name ist Programm: Der Herr Bau, Berg- und Weg­inspektors­substitut Sperling soll verheiratet werden an die Tochter des Bürgermeisters. Kompliziert wird es, als Fräulein Staar einen Mann aus der „Residenz“ heiraten möchte. Titelsucht, die Spießigkeit und ein wenig Korruption waren ihm schon damals ein Stück Literatur wert. Wir mussten uns in der gymnasialen Mittelstufe mit den Charakteren auseinandersetzen. Und manches taucht noch heute in der Zeitung auf („Schaufenster“), die sonntags den Briefkasten verstopft.

Dennoch ist ein Lob auf die Kleinstadt fällig, zumindest auf unsere. Bislang hat die Gemeinde die Integration von Menschen aus allen Kontinenten gut hinbekommen. Tatsächlich hat sich damit das „Stadtbild“ verändert – ungewohnt aber belebend. Die soziale Struktur hilft dabei: ein lebendiges Vereinswesen (Sportvereine aller Art), eine Struktur kleiner und mittelständischer Unternehmen – von der Autowerkstatt bis zum Weltmarktführer im Likörwesen – und überhaupt eine Handwerkerstadt. Bäckereien, Friseure, Heizungsinstallateure zu Hauf. Die haben Bedarf an Nachwuchs, die Innungen der Handwerker bilden aus (und wie gewohnt sind die „Meister“ strenge Vorbilder). Da bleibt nur wenig Zeit für Herumlungern auf dem Marktplatz. Und für den, der höher hinaus will, haben wir drei Gymnasien und eine Fachhochschule – verteilt auf 50.000 Einwohner!

Mittlerweile gibt es eine neue Generation von Handwerkern – zwischen 18 und 30 – die übers Jahr ins Haus kommt. Feuerstättenbeschauer, Heizungswartung, Küchenbauer und derzeit Treppenliftinstallateure sind die neuen „Titel“ – und ganz ehrlich: die Generation (‚Z‘ heißt sie wohl) ist klasse: freundlich, kompetent, aufmunternd! In meiner Autowerkstatt wechselte neulich ein Azubi aus Westafrika die Reifen, in einem Französisch beeinflussten Akzent. Liebe deutsche Kleinstadt: Ich muss gar nicht mehr in die Welt, die Welt kommt zu mir 🙂

August von Kotzebue übrigens bezahlte seine kritische Haltung zum neuen Nationalismus mit seinem Leben. Er wurde am 23. März 1819 von einem Burschenschaftler in Mannheim in seiner Wohnung ermordet. Die Obrigkeit nahm dass zum Anlass, im tschechischen Karlsbad Beschlüsse zur stärkeren Überwachung solcher Umtriebe zu fassen. Geschichte ist manchmal wie eine Netflix-Staffel.


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