Omagh: ein Tribut an die Opfer

Gerade wenn Hoffnung auf Frieden aufflammt, passiert oft das Gegenteil. Als ob eine teuflische Kraft noch einmal ihre Macht beweisen will. So geschehen im nordirischen Omagh. Am 15. August jährt sich zum 37sten Mal der Tag, an dem eine Autobombe mitten in der Einkaufsstraße der Kleinstadt explodierte, vier Monate nach dem Karfreitagsabkommen 1998. Das sollte eigentlich ein für alle Mal die Gewalt in Nordirland beenden.

Auf dem Rückweg von Derry nach Belfast machten wir im September 2016 einen Bogen über Omagh. Wenn ich den Namen lese, gibt es einen Stich ins Herz, weil die Opfer – darunter Säuglinge und Teenager – die Sinnlosigkeit des Nordirland-Konflikts gnadenlos offenlegten. Im unteren Teil der Market Street markiert eine Glas-Stele den Ort, an dem die Bombe am frühen Nachmittag hochging. 31 Menschen starben, wie eine Tafel an der Hauswand beschreibt, über Hundert wurden verletzt.

Anschlag von Omagh 1998 bei Wikipedia

Die Opfer von Terror, sei es Solingen, Magdeburg, Hanau, Halle oder sonst wo, bleiben bei uns namenlos. Das liegt an unserem Presserecht, das dem Persönlichkeitsschutz auch der Opfer hohen Stellenwert einräumt. Im anglo-amerikanischen Recht kommen alle Opfer stärker ins Bewusstsein, ihre Profile und Biographien sind öffentliches Gut. Die Sinnlosigkeit von Gewalt, die Trauer um Opfer wird dadurch stärker betont als bei uns. In unserem kollektiven Gedächtnis verschwinden Opfer von Terror und tragischen Unfällen, als habe es sie nie gegeben. Das Presserecht sollte modifiziert werden, ist meine bescheidene Meinung! Nicht um Schlagzeilen zu hecheln, sondern um die Gesellschaft wach zu rütteln.

Die in Dublin erscheinende Irish Times hat vor ein paar Wochen den Opfern von Omagh einen Nachruf gewidmet, der unter die Haut geht: Leben, die verloren wurden, Menschen die es noch vor sich hatten.

The stories of the Omagh bomb victims: from unborn twins to community stalwarts. Irish Times, Dublin, 24. Juni 2025 (ohne Paywall)

Schaufenster in der Market Street, Omagh (2016)

Es ist ein Weckruf, der die Gesellschaft auf der irischen Insel aufrütteln sollte. Denn die von England beschönigend genannten „Troubles„, bei uns lange als „Unruhen“ bezeichnet, sind nie aufgearbeitet worden, die Versöhnung schreitet nur langsam voran und die irische Tragödie schwelt weiter. Der Brexit (Nordirland hatte mehrheitlich dagegen gestimmt!) hat die Wunden neu aufgerissen. Britannien tritt gern als Mahner für Menschenrechte auf der globalen Ebene auf, es könnte schon mal auf der Island of Ireland ein Beispiel setzen.

Ein wenig Trost mag darin liegen, dass der Anschlag in Omagh auch dem Letzten auf der Insel klar gemacht hat, dass Terror keine Lösung bringt. Dann wären die Menschen in der Market Street an jenem Augusttag nicht umsonst gestorben.


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