Aurobindo, Pondicherry & Karma

Karma klingt moderner als „Schicksal“. Beispiel: Mein Berufsleben begann 1983 in Südindien und endete 33 Jahre später dort wieder. Genauer: in Pondicherry. Somit schloss sich ein Kreislauf, der mit dem Satz einer freundlichen alten Dame im Ashram Sri Aurobindos im September 1979 begonnen hatte. Wenn das nicht Karma ist!

Straße in Pondicherry nach einem Monsunregen, 1979

Mitte der 1970er Jahre wurde es Trend, Lebenssinn in fernöstlichen Lehren zu finden. In denen von Aurobindo Ghose verband sich ein politischer Anspruch und eine ganzheitliche Sicht auf das Sein mit indischen und westlichen Prinzipien. Sie in ein reales Konzept von Community umzusetzen, wurde das Prinzip der experimentellen Stadt Auroville, nördlich von Pondicherry (siehe Titelfoto).

Das Kapitel Aurobindo Ghose bei Wikipedia vermittelt einen guten Eindruck zu Leben und Lehre des aus Bengalen stammenden Gurus, dessen Biographie so typisch ist für die Generation von Intellektuellen, die für die Unabhängigkeit von Großbritannien einstanden. Aurobindo Ghose suchte Schutz vor politischer Verfolgung im damals französischen Pondicherry und verwandelte seine Gedanken in eine universelle Lehre, kurz er wurde ein Guru. Mitten in der Altstadt hatten seine Anhänger einen Ashram aufgebaut, den es noch heute dort gibt. Auf der langen Reise durch Südost- und Südasien im Spätsommer 1979 war daher auch der Besuch des Sri Aurobindo Ashrams ein Reiseziel.

Pondicherry, Freitag, den 21.9.1979: Mit dem Fahrrad (3 Std. für 1,2 Rupien) sind wir heute durch die Stadt gefahren, zum Sri Aurobindo Book Shop, wo wir einige Bücher über Auroville und Sri Aurobindos Lehre gekauft haben … 22.9.1979: Bewölkter Himmel heute Morgen, als wir mit dem Fahrrad zum Art House des Sri Aurobindo Ashrams fuhren. In einem kleinen Raum waren die schönsten Batikarbeiten ausgestellt, die ich je gesehen habe. Zwei wunderbare Stücke eins für Bekannte und eins für mich habe ich erworben. Eine alte Dame, eine Inderin, erzählte uns von der kreativen Arbeit und der Technik des Batikens, aber auch von den Gedanken Aurobindos. Es war sehr beeindruckend. … Auf der Jugend läge ihre ganze Hoffnung, meinte die freundliche alte Dame. Draußen hatte es geregnet, aus einer längeren Fahrradtour wurde deshalb nichts. Aber ich habe mich im Hotel ausgeruht und ein wenig von Aurobindos und der“Mutter“ Gedanken über Wahrheit gelesen, über die Geschichte Pondicherrys und zwei Stunden geschlafen.“ So weit mein Tagebuch. Ein Satz, den die alte Dame gesagt hatte, ist mir besonders in Erinnernung geblieben:

„Wer einmal in Pondicherry gewesen ist, kommt bestimmt wieder zurück!“

Wir schmunzelten damals darüber, denn in diesen vergessenen Winkel der Welt würde ich mich bestimmt nicht mehr verirren. Weit gefehlt.

Im September 2013 rief mich mein Chef an und fragte, ob ich nicht Lust hätte, meine Zeitschrift „versuchsweise“ in Indien zu produzieren. Eine Firma aus Pondicherry habe ein interessantes Angebot gemacht. Ich musste tief durchatmen: 30 Jahre nach meiner ersten Arbeitsstelle in Tamil Nadu könnte mich mein Job erneut nach Südindien führen.

Zwar hatte ich Erfahrung mit Out-sourcen von Produktionsprozessen, aber das hier war eine andere Nummer: Eine deutschsprachige, renommierte Zeitschrift, mit vielen farbigen Graphiken, Karten und Fotos in Südindien zu produzieren, schon eine Herausforderung. Die Schritte hier im Einzelnen darzustellen verbietet mein Berufsethos, aber um es abzukürzen: Im Januar 2014 brachte ich Datenträger und selbst entwickeltes Manual nach Pondicherry – sehr zum Schmunzeln meiner neuen indischen Kollegen.

Nach diversen Briefings reisten wir zunächst nach Madurai weiter und harrten der Dinge. Keine drei Tage später erhielt ich eine E-Mail: die Ausgabe sei fertig produziert. Ich könne die Daten von einem Server auf die Festplatte meines Laptops ziehen. Es war wie Weihnachten und Ostern an einem Tag. Ich druckte die pdf’s über das Business Office des Hotels aus und konnte mich vom ‚Wunder‘ überzeugen: Die Zeitschrift war fehlerfrei, in ansprechendem Layout und erstklassiger Qualität in Rekordzeit produziert – von einem Team, das kein Wort Deutsch verstand!

Kein Ashram, sondern moderne Produktion in Pondicherry (2014)

Von da ab wurde die Zeitschrift monatlich in Pondicherry hergestellt, bis zu meinem Ausscheiden aus dem Berufsleben. Pondicherry wurde so nebenbei drei Jahre lang eine zweite Heimat, aber auch danach habe ich mit den Kollegen von damals Kontakt gehalten.

Der französisch-koloniale Charme der Altstadt blieb und bleibt ein Magnet.

Pondicherry: savoir-vivre in Indien. Full Circle, 25.9.2023

Über FTP-Server und E-Mail verlief die Kommunikation zwischen Redaktion – jetzt meist im Homeoffice, Produktion in Pondicherry und Verlag bzw. Druckerei in Deutschland. Was undenkbar schien, wurde zu Routine. Gegenseitige Besuche und Updates des Prozesses waren dabei Bestandteil, zumal die Zeitschrift parallel digital erschien und die Daten dafür gleichfalls in Pondicherry aufbereitet werden mussten.

So hat sich der Satz der alten Dame im Ashram 1979 bewahrheitet: „Wer einmal in Pondicherry gewesen ist, kommt bestimmt wieder zurück!“ Wenn das mal keine Prophezeiung war.


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2 Gedanken zu “Aurobindo, Pondicherry & Karma

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