Die Porzellan Connection

Wer heute den Frühstückstisch abräumt, denkt selten daran, dass jenes Geschirr aus Tassen und Tellern einst nur Fürsten vorbehalten war. Und wer hat noch das klassische weiß-blaue „Porzellan“ auf dem Tisch, das wir oft als Delfter Porzellan verallgemeinern. Kaum einer kauft es heute noch, zu bieder, zu bürgerlich, zu altmodisch.

Video zu Keramikkunst in Jingdezhen, China Daily, 15.4.2026

Aber wie kam es dazu, dass die Stadt Delft (und die Niederlande) den Ursprungsort des blau-weißen Edelguts aus Kaolin für sich vereinnahmen konnten, und nicht die chinesische Erfindung aus Jingdezhen, populär geworden unter der Ming-Dynastie (ca. 1400 bis 1640)? Es beantwortet zugleich die Frage: Wie kamen die Niederländer überhaupt nach Asien und in Kontakt mit China?

Gleich vorweg: In meiner Vitrine steht keine im Handgepäck eingeführte 10.000 Euro Ming-Vase, und ich habe auch kein Porzellan aus Delft. Aber eine Kaffeekanne in „Tranquebar blue“ von Royal Copenhagen, benannt nach der dänischen Kolonie in Südindien, ziert einen Wandschrank und soll beispielhaft für das begehrte Tischgerät sein, zuerst an Fürstenhöfen, später im bürgerlichen Wohnzimmer. Meine Kanne wurde in Fayence-Technik hergestellt und bemalt, im 19. Jahrhundert erschwinglicher als echtes Porzellan.

Blau-weißes Porzellan wurde zum Inbegriff für Delft. Aber die hatten es nur „nachgemacht“ und für europäische Geschmäcker mit Windmühlen und Zugbrücken bemalt, statt mit exotischen Blumen oder Drachen. Das Original kam aus dem Zentrum der Kunst: der Stadt Jingdezhen in der Provinz Jiangxi. Sie ist es bis heute.

Das Original Ming, National Palace Museum Taipei/Taiwan

Das begehrte Produkt aus Fernost hatte im 16. Jahrhundert mit seinen hohen Profitraten das Kaufmannsherz in Holland höher schlagen lassen. Es kam über Lissabon oder Sevilla nach Amsterdam oder Antwerpen, aber Zwischenhandel ist immer weniger lukrativ als Direktimport.

Um die Frage zu beantworten, wie (Kobalt)blau-weißes Porzellan eher Delft als Jindezhen zugeordnet wurde, muss man 500 Jahre in europäische Großmachtpolitik zurück gehen. Portugal und Spanien hatten die Welt und den Welthandel unter sich aufgeteilt, der Habsburgerkaiser Karl V. deren Oberhaupt in einem Reich, in dem die Sonne nie unterging. Karl war in Gent (heutiges Belgien) geboren, denn auch die sogenannten Spanischen Niederlande gehörten zu Habsburg. Sein Sohn Philipp wurde spanischer König und erhielt 1580 Portugal oben drauf. Vom Zimmerchen im Escorial bei Madrid verwaltete er sein Riesenreich.

In den nördlichen Niederlande hingegen hatte die Reformation samt antikaiserlicher und antispanischer Stimmung Wurzeln gefasst. Ein selbstbewusstes Bürgertum wollte sich nicht von einem erzkatholischen Herrscher bevormunden oder gar in Handelsinteressen einschränken lassen. Es begann einen Kampf gegen die spanische Herrschaft, der am Ende die unabhängigen Niederlande und den Rest der spanischen Niederlande südwestlich von Antwerpen (heute Flandern) zum Ergebnis hatte.

Das ist der Hintergrund für eine außergewöhnliche Story von Abenteuer und Spionage, die heute noch für einen Job beim BND oder der CIA qualifizieren würde: Einen jungen Mann aus Enkhuizen drängt es über seine Brüder in Spanien in den Überseedienst. Da war Jan Huygens van Linschoten (geb. 1563) gerade einmal 18 Jahre alt. Er wurde 1581 Sekretär des Erzbischofs im indischen Goa, im Herz des portugiesischen Netzwerks in Asien, und hatte so Zugang über alle Informationen des Weltreiches. In Goa sah er, was an Waren und Profiten durchlief, aber auch was an Korruption und Rivalitäten im Estado da India vor sich ging.

Linschoten’s Itinerario digital (im Original) an der Universität Utrecht

Die Geheimniskrämerei um Handelskontakte seiner Arbeitgeber, über Preise und Profite und vor allem Seekarten nach Ostasien muss die Neugier des jungen Mannes geweckt haben. Er notierte sich alles, kopierte einiges und kam nach sechs Jahren 1592 über die Azoren und Lissabon in seine Heimatstadt Enkhuizen zurück. 1595 publizierte er mit Förderung einiger Gönner in Amsterdam Reys-gheschrift vande navigatien der Portugaloysers in Orienten, die alles enthielt, was man wissen musste, um nach Ostasien zu fahren. Ein Jahr später erschien das umfassendere Werk Voyage ofte schipvaert van Jan Huyghen van Linschoten naer Oost ofte Portugaels Indien, 1579-1592. Die Folge war vorhersehbar. Die unabhängigen Städte der Niederlande gründeten eine Handelsgesellschaft und begannen eigene Expeditionen nach Fernost.

Das Buch eines 32-Jährigen, erschienen in Amsterdam 1596, wurde so zum Fundament der führenden Wirtschaftsmacht des 17. Jahrhunderts: ohne Linschoten kein Rembrandt und kein Amsterdam! (Ich arbeite an einem Blog-Beitrag über diesen jungen Holländer, dessen Biographie gut und gerne Stoff für einen Hollywood-Blockbuster hergäbe.)

Mit der Eroberung Malaccas 1511 war den Portugiesen der China-Handel in den Schoß gefallen, samt dem Porzellan aus Ming-China. Das blau-weiß bemalte Edelprodukt wurde schnell zum begehrten Gut in Europa. Linschoten wusste um was es ging! Mit seinen Notizen und dem Unternehmergeist der calvinistischen Niederländer, gerade von Spanien/Portugal unabhängig geworden, begann die 1602 gegründete Vereenigde Oost Indie Compagnie VOC eine beispiellose Expansion in Südostasien. Man segelte an Indien „vorbei“ direkt nach Java und gründete dort 1619 Batavia, in dem alle Fäden des Handels zwischen Nagasaki und Südasien, zwischen den Sunda-Inseln und Malaya zusammenliefen.

Zugang zur Faktorei und Siedlung der VOC in Dejima, Nagasaki (Japan)
Verwaltung der VOC im Fort Zeelandia, Tainan/Taiwan
Niederländische Bürgerhäuser in Batavia, Jakarta (Indonesien)

Der China-Handel war der profitabelste Sektor. Porzellan aus China erreichte nun die westeuropäischen Höfe und das reiche Bürgertum in Massen. 1641 eroberte die VOC Malacca, weil es der traditionelle Anlaufpunkt chinesischer Waren war.

Auswahl niederländischer Stützpunkte in Süd- und Ostasien

Schon 1653 fühlte man sich in Delft kompetent genug, eigene Porzellan-Serien zu produzieren (siehe Links unten). Und so wurde das chinesische Porzellan in Europa langsam durch das aus Delft ersetzt, ebenso in blau-weiß, aber mit vertrauteren Motiven.

The Worldwide Tale of Delftware Porcelain: A Dutch Symbol Unveiled. familytreeoriginals.com, Calabasa, CA/USA, 24.4.2024

Webseite in Deutsch von Royal Delft („Delfter Blau seit 1653“)

Der heilige Gral für Porzellan aber bleibt das Original aus Jingdezhen. Es wurde in immer kunstvollerer Form für den Export mit vollbeladenen Schiffen nach Südostasien transportiert, bis Mitte des 19. Jahrhunderts. Aber auch alltägliches Gebrauchsporzellan gelangte in die Städte und Haushalte Südostasiens.

Mein Interesse an solchen Stücken aus Jingdezhen begann vor 20 Jahren. In unserer Hotellobby in Malacca fanden wir damals einen Laden, der chinesisches Porzellan aus einer gesunkenen Schiffsladung anbot. Ein vor der malaysischen Ostküste gefundenes Segelschiff war 1830 mit zehntausenden Stücken Porzellan aus China gesunken. Eine schwedisch-malaysische Bergungsfirma hatte die Lizenz, die geborgene Fracht auf dem freien Markt zu verkaufen. Die ganze Geschichte der Taucherei und Bergung ist auf der Webseite der Firma dargestellt: Nanhai Marine Archeology Sdn. Bhd. Das Zertifikat für unser Schälchen bestätigt die Herkunft aus den Brennöfen von Jingdezhen!

Siegelzeichen des Qianlong Kaisers

Neben der für den Export produzierten Porzellanware aus China (im Englischen bis heute „bone China“ = feines Porzellan), wurde auch schiffladungsweise Gebrauchsporzellan der Ming-Zeit nach Südostasien verkauft. Und das lagerte unbeachtet bis vor wenigen Jahren in den Haushalten rund um das Südchinesische Meer. Wie davon einige Stücke in mein Regal kamen, habe ich schon erzählt.

Porzellan zerschlagen? Full Circle, 11.1.2023

Chinaware (engl. für Porzellanware) bedeutet heute Solarpanelen oder Elektroautos. Vielleicht ist Rache an einem Europa, das einst das kostbare Gut aus Jingdezhen für sich vereinnahmte, deshalb besonders süß.


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