Blitzkurs in Journalismus

Unser Wohnort in den Bergen Südindiens war ein Refugium für Hitzeflüchtlinge, wenn es im Mai/Juni in der Ebene über 35 Grad wurde. Da unser Bungalow in einem Estate mitten im Ort lag, kamen oft Besucher vorbei – auf dem Weg vom Bazar oder Bushof zu einer Lodge. Einer von ihnen traf Anfang Juni 1984 meine Frau im Bazar und sie bat ihn doch vorbei zu kommen. Ich erinnere mich weder an seinen Namen noch sein Aussehen, aber er war der Typ „reisender Reporter“ der mir als Berufsideal vorschwebte.

Tagebuchnotiz vom 1.6.1984
„Unterstadt“ Kodaikanal (1984)
Unser Haus in Kodaikanal, mitten im Ort in einem Wald aus Eucalyptus-Bäumen

Wir tauschten aus, wer und warum wir hier sind. Das Erstaunen war beidseitig: Er war Freelance-Journalist, der Texte an deutsche Tageszeitungen schrieb. Vor allem war er Fotoreporter, der seine Schwarzweiß-Fotos der Nachrichtenagentur dpa zur Verfügung stellte. Dafür schickte er die Negative nach Frankfurt und erhielt für jedes veröffentlichte Foto ein Honorar.

Im Mai hatte er im Goldenen Tempel der Sikhs in Amritsar den Anführer der Autonomiebewegung Bhindranwale interviewt und fotografiert. Tage nach unserem Treffen stürmte die indische Armee den Tempel und der militante Sikh kam dabei ums Leben.

Ab und an Gäste: mit John und Freda, Kollegen aus Melbourne, vor unserem Haus

Er war über einen deutschen Lehrer hier am Ende der Welt mehr als erstaunt, noch mehr als er erfuhr, dass ich eine deutsche (mechanische) Schreibmaschine dabei hatte. Er bat mich, ihm diese ein paar Tage auszuleihen (besonderer Vorteil: Umlaute und deutsche Sonderzeichen). Der Deal: er würde mir beibringen, wie man erfolgreich Manuskripte in den Redaktionen und zur Publikation platziert.

Ich hatte bis dahin drei aufwendige Texte an verschiedene Redaktionen geschickt: handgetippt und per Post. Keine Reaktion. Er war ein Insider und gab mir Tipps, die – nicht übertrieben – meinen frühen Weg in den Journalismus ebneten:

* Schreibe Texte in Spalten mit definierter Zeichenzahl

* Nummeriere die Zeilen im 5er-Abstand

* Zähle Zeilen und rechne Zeichen aus, setzte diese Infos auf die Titelseite

Redakteure können so schnell den Platz errechnen, den der Artikel benötigt (und sich eventuell an Kürzungen machen). Da viele solcher Manuskripte (die waren es ja im Wortsinn: von der Hand auf Papier getippt!) jeden Tag die Redaktionen erreichen, müsse man auffallen. Er empfahl exotische Briefmarken für die Couverts, damit die auf dem Schreibtisch nicht untergehen. Heute sind diese Tipps eher belustigend, aber wir reden von 1984!

Und sie hatten Erfolg: In den kommenden zwei Jahren konnte ich einige Artikel in deutschen Tageszeitungen platzieren. Einige sind noch heute eingerahmt über meinem Schreibtisch.

Zwei Beispiele: Süddeutsche Zeitung (oben), Oberösterreichische Nachrichten (unten)

Meine intensive journalistische Ausbildung aber begann erst sechs Jahre später an einer Kölner Journalistenschule. Dort lernten wir alles, von Pressemitteilungen schreiben, über Features, Reportagen, Glossen und Kommentar-Seiten. Solide, wie in Deutschland üblich. Wir übten Fernsehauftritte und wurden zu Praktika in Top-Institutionen geschickt (für mich die Staatskanzlei in Saarbrücken samt damaligen SPD-Vorsitzenden; später in die Presseabteilung eines großen Bergbau-Unternehmens am Ort, für die ich u.a. 1.500 Meter tief in den Berg fuhr).

Pro Kurs und Jahr wurden meist aus über 1.000 Bewerbern nur 20 (!) aufgenommen. Im Assessment Center während der zweitägigen Aufnahmeprüfung wurde ich gefragt, was ich noch zu lernen hoffe, „wo Sie doch schon in der crème de la crème veröffentlicht haben“ (u.a. ZEIT, SZ, FAZ). Meine Antwort, in Deutschland gelte nichts ohne ein vorzeigbares Diplom, schien zu überzeugen.


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