Den Jakobsweg gehen, bis zum Grab des Apostels in Galizien, soll befreiend sein, eine Rückkehr zu inneren Werten in Zeiten von Aufruhr und Zerfall. Warum nicht eine neue Herausforderung annehmen und an das Grab eines anderen Apostels wandern: ins südindische Chennai, früher Madras.

Dort befindet sich das Grab von Thomas, dem ewig Zweifelnden. Wen also Gluthitze, diverse bewaffnete Überfälle und Armee-Begleitung durch Belutschistan nicht abschrecken, der sollte die Challenge auf sich nehmen – Absolution garantiert. Google Maps bemisst den Fußweg mit knapp 7.000 km und 1.564 Stunden Gehzeit – machbar, aber nur im Winter und mit gutem Schuhwerk. (Der weniger Abgehärtete kann auch täglich mit der deutschen Kranichlinie ab Frankfurt fliegen.)

Man müsste wohl im türkischen Sanliurfa loslegen, dem Wirkungsort des „ungläubigen“ Thomas in den ersten Jahren unserer Zeitrechnung, und quer durch Mesopotamien bis nach Basra, dann entlang der Golfküste durch den Iran, Pakistan und Indien bis zur Mündung des Periyar-Flusses in Kerala vorarbeiten (Aufmacherfoto). Von dort ginge es über die West Ghats und durch das zentrale Tamil Nadu nach Madras. Hier starb der Apostel den Überlieferungen nach den Märtyrertod.



In der St. Tomé Cathedral im Stadtteil Mylapore zeigt man unter dem Hauptaltar das Grab des Apostels, und nebenan im Kirchhof ein Museum, das archäologische Funde präsentiert.

Ungläubig haben die Leute geschaut, als ich 1996 mit einer deutschen Gruppe auf der Zielgraden im Stadtteil Georgetown die letzten Kilometer bis Mylapore zurück legte. Nein, Fake News, ich war nur Reiseleiter einer Gruppe, der ich Chennai gezeigt hatte.
Wer auf die leichte Art pilgert und am internationalen Flughafen ankommt, sollte ein Taxi zum St. Thomas Mount nehmen.

Der liegt faktisch am Flughafengelände, je nach Anflugrichtung sind die landenden Maschinen zum Greifen nach. Der Legende nach wurde der Apostel auf diesem Granithärtling mit einer Lanze erstochen. Eine kleine Kapelle und diverse Figurengruppen sind an der Stelle errichtet (St. Thomas Mount ist auch eine S-Bahn-Haltestelle der Linie zum Flughafen).



Während unserer Zeit in Tamil Nadu Mitte der 1980er Jahren war Chennai für uns ein wichtiger Ort: Hier gab (und gibt) es das deutsche Generalkonsulat, im Hafen musste ich unsere Umzugskiste aus Bremen durch den Zoll und zum Weitertransport in die Berge nach Kodaikanal bringen – und es gab gute Zahnärzte. Bei Zahnweh war eine Nachtfahrt im Pandyan Express von Madurai aus erforderlich.

Chennai gehört nicht zu den touristisch interessanten Zielen, es ist Durchgangsstation für die Kulturtouristen nach Süden: Mahabalipuram, Madurai, Thanjavur oder Trichy (hier oder in reiners.blog in vielen Beiträgen beschrieben). Die Metropole ist eine kononiale Gründung der Briten – die älteste britische Stadt in Indien – mit dem Zentrum Fort St. George (wo sich bis heute Parlament und Ministerien des Bundesstaates Tamil Nadu befinden).

Die kolonialen Spuren mit vielen Gebäuden in einem „indo-sarazenischen“ Stil (eine Mischung aus Mogularchitektur und Westminster), Kirchen und Rotunden, ja sogar noch eine Statue eines King George des Xten finden sich überall in der Stadt.




Madras/Chennai ist aus mehreren Dörfern zusammen gewachsen, die heute in ihren Stadtteilnamen zu erkennen sind. Die Metropole wächst nach Süden Richtung Mahabalipuram und nach Westen an der Verkehrsachse nach Bengaluru.
Mein erster Besuch war 1979, mit dem Zug aus Calcutta kommend. Wir fanden eine Lodge nahe Madras Central, dem Bahnhof für die Züge in den Rest des Subkontinents. Und gerieten mitten in eine Demo der indischen Gewerkschaftsbewegung. Chennai und überhaupt Indiens Süden sind der dynamischste Teil des Landes.




Wem das alles zu viel ist, das Gewimmel von Fahrzeugen und Menschen, die 35 Grad, der Lärm, für den habe ich eine Alternative zum „Thomasweg“. Und der führt nach Ortona an der italienischen Adria. Dort in der Basilica di San Tommaso Apostolo gibt es auch ein Grab – die Gebeine von Thomas wurden in der frühen Neuzeit hier hin überführt. Warum also Hitze und Wüstenstaub ertragen, wenn sich im Cafe Carpe Diem gegenüber der Kathedrale mit einem Glas Chianti und Antipasti „pilgern“ lässt?
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