Der beste Ort der Welt?

Ich muss mich zunächst outen: Mein morgendlicher Radiosender ist auf meine Altersgruppe abgestimmt – Musik aus den 1970er und -80ern, Lieder die man mit summen kann, bevor der Kaffeekocher kurzzeitig als Lärmquelle übernimmt. Ein weiterer Vorteil: der öffentlich-rechtliche Sender läuft ohne Werbung. Meine Zielgruppe ist nicht mehr werberelevant, eine Erlösung.

Nachteil: Der Sender gibt sich sehr local – unser Bundesland sei toll und zwischen Ems und Oker ist es am Schönsten. Abends gibt es eine Stunde in plattdütsch (sogar mit fetzigen Songs im Dialekt). An Werktagen wird der „beste Ort der Welt“ vorgestellt. Dafür können sich Dörfer mit plus/minus 1000 Einwohnern bewerben. Zwischen Musiktiteln werden die Leute dort interviewt und dürfen Testimonials über den Äther senden, warum ihr Dorf eben jener beste Ort der Welt ist: „Wir halten zusammen!“, „Jeder hilft jedem“, „Wir haben hier alles was man braucht“.

So sympathisch das ist, was will der Sender der Hörerwelt vermitteln? „Bleib Zuhaus und nähr Dich redlich“ oder „Bleib wo Du bist, besser wird es nicht“? Sollen wir uns einkuscheln, in der lokalen Kneipe zuprosten und den Rest der Welt als lebensfeindliche, im Grunde uninteressante Gegend verstehen? Brauchen wir für unsere Identität ein „Dorfgefühl“, damit wir das zu uns dringende „Fremde“ überstehen?

Ich bin groß geworden in einem Dorf, eingezwängt in einem Tal zwischen bewaldeten Höhen, 30 Häuser, keine Kneipe, kein Verein. Eigenbedarfslandwirtschaft auf ziemlich unfruchtbarem Boden, kleine Parzellen, nur ein kleiner Dorfladen für das Nötigste. Die Schule jenseits der Berge mit 3 km Schulweg – zu Fuß. Ein oder zwei Busse pro Tag in die nächste Stadt (10 km entfernt). Wären nicht die Kondensstreifen am Himmel zu sehen gewesen oder ab und an ein Phantom-Abfangjäger im Tiefflug über die Bäume gedonnert, man hätte glauben können, die Welt hört hinter dem nächsten Höhenzug auf. Und wenn es im Winter stark schneite, war das Dorf ganz abgeschnitten.

Für die postmoderne, urbane Gesellschaft mag das ein Sehnsuchtsort sein, für mich war es der Fluchtpunkt. Nichts wie weg, als ich 18 wurde. Ich wollte die Welt als Dorf verstehen, mich überall Zuhause fühlen (Für Entwicklungsarbeit in indischen Dörfern oder denen in Bangladesh war ich bestens vorbereitet). Gute Freunde, die bei einer nationalen Airline arbeiteten, kehrten nach den Exkursionen nach Tokio, Rio oder Los Angeles gern in ein Dorf zurück, das sie sich als „Zwischenstation“ ausgesucht hatten. Aber nach ein paar Tagen sehnten sie sich nach dem nächsten Trip nach Bangkok oder Sydney. Das Dorf war nur Kulisse für ein Durchatmen.

Die Idealisierung des Landlebens, des Hyper-Lokalen, der Miniaturwelt im Dorf nervt mich zusehends. Je mehr Heimatlose bei uns Zuflucht und Sicherheit suchen, je mehr beschwören wir „Heimat“ als Ort von Sicherheit und Beständigkeit in einer ach so bedrohlichen und miserablen Welt. Mir scheint als nähern wir uns kulturell der Kleinstadt im Kinofilm „Die Truman Show“: hinterm Horizont beginnt das Unheil und die Gefahr. Der Protagonist des Films, der junge Truman, erkennt die Scheinwelt, die für ihn als „Star“ einer Fernsehshow konstruiert wurde.

Man kann zu Recht diskutieren, ob die Welt ein Dorf ist oder so verstanden werden sollte, aber ein Dorf ist noch lange nicht die Welt. Der beste Ort der Welt? Er ist da, wo ich mich wohl fühle.

Ein guter Kommentar von Sinnlosreisen, der bei mir im Spamordner gelandet ist (und den ich von dort nicht wieder raus bekomme):


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2 Gedanken zu “Der beste Ort der Welt?

  1. Ja an Truman Burbank musste ich auch denken, oder an die ersten Lockdowns und Reisebeschränkungen, als in Buchläden auf einmal ganz viele Bildbände zum „schönen Deutschland“ ausgelegt wurden

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