85 Jahre und 1 Tag

Ich weiß nicht, ob der erste Septembertag 1939 so schön war wie gestern. An der Brutalität des Angriffs von Nazideutschland auf Polen würde es nichts ändern. Angriffskriege werden nicht nach dem Wetter geführt, der auf Polen war monatelang vorbereitet und terminiert.

Den Absturz der Partei DIE LINKE konnte er 2024 nicht verhindern

An dem schönen ersten Septembertag 2024 gingen die Bürger Thüringens und Sachsens zur Wahl. Beide Bundesländer sind kulturelle, historische und sogar wirtschaftliche Schwergewichte in der Bundesrepublik. Die Wahlergebnisse zeigen einen klaren Rechtsruck, die Partei mit offenen Deutsch-tümelnden Aussagen wurde in Thüringen stärkste politische Kraft und in Sachsen lag sie nur knapp hinter der CDU. 30plus % der Wähler haben sich für die AfD entschieden. Für die Demokratie in der Bundesrepublik sehe das nicht gut aus, liest man.

Inseln von Liberalität und Weltoffenheit: Weimar und Jena

Ich versuche mal einen Perspektivwechsel: Die Wahlbeteiligung in beiden Ländern war extrem hoch (um die 75%). Chapeau, die Leute vertrauen dem Wahlsystem und dem Mechanismus der Demokratie. Das war vor 1989 anders. Und es ist anders in einigen „Musterländern“ der Demokratie. In den USA werden die Ergebnisse schon angezweifelt, bevor die erste Stimme abgegeben ist. Und im Vereinigten Königreich hatten fast die Hälfte keine Lust über den Brexit abzustimmen – und wachten dann auf, als es zu spät und das Königreich auf dem Weg raus aus der EU war. Utterly regretfull, indeed!

Schaut man sich die Geographie der Wahlergebnisse von Sachsen und Thüringen an, dann überdecken die Gesamtergebnisse bemerkenswerte regionale Differenzen: Beispiel Eichsfeld im Nordwesten Thüringens.

Digitale Karte der Zweitstimmen in Thüringen. MDR.de

Zwar gibt es auch hier Wahlkreise mit AfD-Mehrheit, aber überwiegend dominiert Schwarz. Zum Teil gewinnt die CDU hier mit 50plus %. Damit steht das Eichsfeld in einer Tradition als Außenseiter im Land, die es schon 100 Jahre und mehr einnimmt: Nazis und DDR bissen sich am katholisch geprägten Gemeinschaftssinn der Eichsfelder oft ihre Zunge ab. Bis zur letzten Wahl in der Weimarer Republik gaben Eichsfelder dem katholischen Zentrum ihre Stimmen und nach 1945 ging Erstkommunion vor Jugendweihe.

Eichsfeld in Thüringen: Das katholische Gallien der DDR. Deutschlandfunk online, 2.10.2019

Was damals vornehm formuliert als „konservativ“ galt, steht heute für eine stabile kulturelle und soziale Struktur über die Generationengrenze hinweg, die dem blauen Trend standhält. Es sollte aber betroffen machen, wenn in anderen Regionen wie im Thüringer Wald und im Erzgebirge eine Partei das Vertrauen von Wählern gewinnt, die mit rückwärts gewandten Vorstellungen von Gesellschaft und Wirtschaft antritt. Die Winds of Change, die über uns hinweg fegen, lassen sich damit nicht annähernd bewältigen oder gestalten.

Nachtrag: Der Beitrag von Larry Elliot im GUARDIAN (hinter einer Paywall, die man aber mit einem kostenlosen Account umgehen kann) sagt alles:

The German problem? It’s an analogue country in a digital world. THE GUARDIAN, 1.9.2024

»Deutschland ist nicht mehr wettbewerbsfähig genug« SPIEGEL online, 3.9.2024


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3 Gedanken zu “85 Jahre und 1 Tag

  1. Ja, das macht mir auch alles ganz schön Sorgen, aber eines beruhigt mich dann für den Moment dann mal doch noch. Wenn die Wahlbeteiligung so hoch war, dann vermute ich mal, dass jeder AfD-Sympatisant auch sein Kreuz abgegeben hat und es keine Dunkelziffer deutlich größer als 30% gibt. Noch zumindest.

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    1. Könnte sein, dann muss man hoffen, dass die 25 %, die keine Stimme abgegeben haben, alles Leute sind, die nur zu bequem waren, sich für die demokratischen Parteien aus der Sonntagsruhe zu begeben.

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