6.8.2010: Katastrophe nebenan

Klimakatastrophen füllen inzwischen die Schlagzeilen mehr als Krieg oder Terror. Einige sind uns so nah wie das Ahrtal. Manche sind weit weg, in China oder Südasien. Auf den Tag vor 14 Jahren war ich dort Zeuge einer vergleichbaren Katastrophe, auch in einer Gegend, wo man sie am Wenigsten erwartet.

Eine Reise im August 2010 führte mich nach Ladakh, das „indische Tibet.“ Mit mir unterwegs waren ein Dutzend Freunde und Bekannte, für die ich die Reise organisiert hatte und die ich leitete. Ladakh ist eine Provinz jenseits der ersten Himalaya-Kette aus 6000- und 7000-er Gipfeln.

Industal östlich von Leh (2. August 2010); Blick nach Süden, wo die Monsunwolken sich am Gebirge stauen

Die Monsun-Niederschläge des Sommers erreichen die Täler so gut wie nie. Leh, die Hauptstadt von Ladakh in 3.300 Meter Höhe, hat 110 mm Jahresniederschlag, wäre also Wüste, würden der Indus und Schneeschmelze das Tal nicht mit Wasser versorgen. August ist Hochsaison für Hiker, Biker und Bergsteiger, alle indische Fluggesellschaften fliegen Leh an. Der Anflug ist spektakulär, da die Jets zwischen den Gipfeln einfliegen müssen.

Nubrah (Ladakh): Nirwana im Diesseits. Reiners.blog, 22.2.2021

Am 5. August kehrten wir von einer Tour aus dem Nubra-Tal jenseits des über 5.000 m hohen Khardung La-Passes nach Leh zurück. Unsere Gruppe war auf drei Toyota Innova verteilt, unser Leben auf waghalsigen Gebirgsstraßen hatten wir 20+ Jahre alten Fahrern anvertraut. Bei schönem Sonnenwetter aßen wir nachmittags in einem Gartenrestaurant tibetische Nudelgerichte. Später luden uns die Fahrer am Hotel ab. Ich verabredete mit ihnen, die Gruppe am nächste Morgen abzuholen und den kurzen Weg zum Flughafen zu transportieren. Für den Rückflug nach Delhi.

Unser Hotel in Leh war das beste am Ort, im Südwesten der Stadt auf dem Weg zum Flugplatz gelegen. Ein massiver Bau mit einem großen Garten, umgeben von einer hohen Steinmauer – „The Grand Dragon“ war wie eine kleine Festung. Und das war, wie sich herausstellte, unser Glück. Denn jenseits der Mauer spielte sich eine Tragödie ab, während wir schliefen. Zwar wurde ich in der Nacht kurz wach von Lärm und Geschrei, Regenwasser war durch das geöffnete Fenster auf den Boden gelaufen. Ich dachte mir aber nichts dabei, auch nicht meine Mitreisenden. Vielleicht war es eines der vielen religiösen Feste.

Am Morgen bat mich die Hotelrezeption schnell runter zu kommen. Am Eingang zur Lobby standen unsere drei jungen Fahrer, Hosen und Schuhe von Schlamm verdreckt, mit erschöpften Gesichtern. Sie hätten die ganze Nacht in der Stadt versucht Menschen zu retten, eine furchtbare Katastrophe sei passiert. An einen Rückflug wäre nicht zu denken, der Flughafen sei gesperrt, die Landebahn von Geröll bedeckt.

Himalaya-Stadt Leh ins Chaos gestürzt. Deutsche Welle, dw.com, 6.8.2010

Sie berichteten von einer Sturzflut aus Schlamm, Geröll und Felsblöcken, die sich mitten durch den Bazar der Stadt gewälzt hätte. An der Rezeption bestätigte man mir den Bericht der drei, in der Stadt unweit unseres Hotels habe es eine Katastrophe mit vielen Toten und Verletzten gegeben.

Es war im eleganten Ambiente des Hotels kaum vorstellbar, was sich da in unserer Nachbarschaft abgespielt hatte. Mit meinem lokalen Reiseleiter machte ich mich zu Fuß auf zum nahegelegenen Flughafen, aber schon nach ein paar hundert Metern war klar, dass es für Autos kein Durchkommen durch versperrte Straßen gab.

Flughafen Leh am 6.8.2010

Vor dem Flughafengebäude standen Reisende, die Leh verlassen wollten. Eine Gruppe von Soldaten rechts von ihnen wartete auf Instruktionen. Zurück im Hotel steigerten sich die Hiobsbotschaften: Der Flughafen war für den Zivilverkehr bis auf Weiteres gesperrt, bis auf einen Betreiber waren alle Mobiltelefonverbindungen mit dem Rest Indiens zusammen gebrochen. Es drohte auch der Abbruch aller Datenleitungen.

Neben dem Gefühl der Hilflosigkeit dämmerte es mir, dass die lange geplante Reise, die weiter nach Rajasthan und Gujarat führen sollte, in akuter Gefahr war. Ich informierte beim Frühstück meine Gruppe, die zunächst noch gefasst war. Sicher würde sich alles in kürzester Zeit klären.

Ich machte mich zu Fuß auf Richtung Stadt und fand einen ATM, dem ich noch etwas Bargeld entziehen konnte. Kurze Zeit später waren alle ATMs abgestellt, Bezahlen mit Kreditkarten ebenfalls nicht mehr möglich. Zurück im Hotel klärten wir unsere Cash-Lage: Die Zimmer der teuren Bleibe konnten wir behalten, da ja ankommende Gäste nicht erschienen, zu bezahlen in bar. Das Ende unserer Cash-Vorräte war absehbar – und damit eine gewisse Panik.

Für uns war es bislang nur eine Inconvenience, wenngleich die Reise mit der komplexen Logistik von Flügen, Bustransporten und Hotels auf der Kippe stand. Aber nur Dutzende Meter von uns entfernt waren weit über 100 Menschen ums Leben gekommen, von Geröllmassen erdrückt. Vom Dach konnte ich ein paar Fotos machen, die aber nur wenig aussagen.

Aus „heiterem Himmel“ hatte sich mitten in der Nacht ein Wolkenbruch über die Stadt Leh ergossen und von den Hängen eine Geröll-Lawine durch die Stadt gejagt. Die Katastrophe, nicht vorher gesagt, so noch nie geschehen, hatte die Menschen im Schlaf überrascht. Der erste Impuls helfen zu wollen, lief ins Leere. Helfen konnten wir nicht, nicht einmal Geld spenden. So verbrachten wir den Rest des Tages verstört im Hotelgarten, zumal der Himmel blau war und die Sonne strahlte. Jeder entwickelte eine Strategie, wie wir schnellst möglich per Fluzeug wegkämen. Surreal.

Am nächsten Tag gab mir der Hotelmanager kurz die Gelegenheit, über sein Handy mit meiner Frau in Deutschland zu telefonieren. Denn dort hatte die Tagesschau bereits berichtet und besorgte Anrufe waren eingegangen. Die gesamte Gruppe wollte jetzt zum Flughafen. Es ging das Gerücht um, wer „dränge“ werde auf einem Flug mitgenommen. Im kleinen Terminal herrschte Chaos und keine der Airlines konnte verbindlich Auskunft geben. Zurück im Hotel war die Ungewissheit kaum noch zu ertragen. In solchen Situationen zeigen sich verborgene Charaktereigenschaften: Einige unserer Gruppe genossen das kühle Bier im Garten, andere grämten sich endlos darüber, wie es weiter gehen würde.

Am dritten Tag nach der Katastrophe gab es dann Hoffnung: Mein Local Guide kam und bat uns, schnell zu packen und zum Flughafen zu fahren. Es gäbe da eine Chance … Die Spannung unter den dort wartenden Ausländern war erheblich, Gerüchte flogen hin und her. Es ging um Priorities, darum ob Gruppen vor Einzelreisenden mitgenommen würden und das überhaupt die Flüge nur mit Zweidrittel-Sitzkapazität abheben könnten. Am Check-in Schalter von Kingfisher Airlines wurde uns beschieden, möglichst wenig Aufhebens zu machen als wir die Bordkarten bekamen. Man befürchtete wohl Handgreiflichkeiten unter den Touristen. Erst als der Flieger abhob, konnten wir aufatmen.

Auf dem Weg zur Startbahn in Leh, 8.8.2010

Wir landeten eine Stunde später in Delhi und erfuhren den Grund für unser „Glück“: Der Veranstalter in Mumbai hatte beste Beziehungen zur Airline und selbständig die ganze restliche Tour umorganisiert.

Von den Hängen im Hintergrund schoss eine Geröllwelle quer durch die Stadt

Bei der Katastrophe in Ladakh im Hochsommer 2010 kamen mehr als 200 Menschen ums Leben. 2010 Ladakh floods bei Wikipedia (Engl.) Es kam kurz darauf zu gewaltigen Überschwemmungen im pakistanischen Indus-Tal. Und 2022 stand fast das gesamte Land am Indus erneut unter Wasser. Das Jahrhundert-Ereignis in Ladakh war nur ein Vorbote für das, was in Südasien wohl zur Regel wird.


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