Ausgerechnet an einem Tag, an dem ein 22-jähriger Magdeburger eine Goldmedaille in Paris holt, fällt mir der Bericht auf, dass seine Altersgruppe sich zunehmend unglücklich fühlt. Junge Erwachsene sind immer unglücklicher. Tagesschau.de, 27.7.2024 Das wirft die Frage auf, wie das eigentlich bei mir vor 50 Jahren war, zwischen 19 (Wehrdienst) und 25 (Familiengründung).
In jenem Bericht zur aktuellen Glücksforschung heißt es: „Seit Mitte der 1950er-Jahre geht die Forschung davon aus, dass das Lebensglück die Form einer U-Kurve hat: Es fängt an mit einem Glückszustand, der die Zeit des Heranwachsens bis ins junge Erwachsenenalter erfüllt. Etwa ab Mitte 20 sinkt das Lebensglück und zwar immer weiter – bedingt durch die sogenannte Rushhour des Lebens. Erst im Alter ab 60 Jahren steigt das Glücksempfinden wieder an.“
Ich erinnere mich an ein unbändiges Gefühl von Freiheit: weg von Zuhause, auf eigenen Beinen mit eigener Tagesgestaltung und Zukunftsplanung. Der Erdball erschien als das einzige Limit. Aber auch da konnte man von fernen Welten, zumindest von einer Mondlandung träumen. Freundschaften kamen und gingen, Gefühlshöhen folgten Abstürze und wieder neue Höhen. Ein Auf und Ab, aber immer getragen von selbst bestimmter Lebensplanung. Reisen, von Lissabon bis Singapur, soweit das Budget (und die Semesterferien) reichten. Neue Kontakte, Sprachen, Erfahrungen – immer am psychischen Limit. Nächte lange Diskussionen über Politik, über die Zukunft der globalen Gesellschaft (Klimawandel war noch nicht definiert) – und welche Rolle unsereins (meist Lehramtsstudenten) darin zu spielen gedachten.

Aber Krisen gab es zuhauf: in Nahost (ja, auch damals), in Vietnam, die europäische Teilung samt dem Risiko einer Eskalation – keine Kleinigkeiten. Es gab Invasionen (Nordzypern, Afghanistan, Libanon), es gab Umstürze zum Guten (Portugal, Spanien, Griechenland) oder zum weniger Guten (Iran). Es gab Fahrverbote und trockene Sommer mit großen Waldbränden in Deutschland. Es gab Terrorismus (RAF, Schwarzer September), es gab schon „Atomkraft, nein Danke!“ und es gab internationale Diplomatie (Konferenz von Helsinki, Ende des Vietnamkrieges).
Aber das konnte unseren Zukunftsoptimismus, jedenfalls meinen, nicht stören. Die Dinge lagen ins unserer Hand. Wir konnten uns engagieren, in Bürgerinitiativen, in Parteien und Fachschaften an den Unis. Auch ohne soziale Medien waren wir mit der Welt in Kontakt – wir schrieben Briefe oder verabredeten uns Tage vorher verbindlich. Wir besuchten uns gegenseitig, feierten Feten und trafen uns im Kino zu Filmen (für Spaß waren die von Woody Allen ideal). Umso betrübter macht mich der Bericht bei Tagesschau.de zum Unglück heutiger junger Menschen in jener Altersgruppe. Ausgerechnet in einer Zeit, in der die Welt ein Dorf ist, in der es ungeahnte Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung gibt, in der gesellschaftliche Toleranz gegenüber Lebensentwürfen so groß ist wie nie.
Übrigens, ab 60 geht es ja scheints wieder bergauf: Wer die drohende Kündigungswelle in den auf dem Arbeitsmarkt aussichtslosen Fünfzigern überlebt hat und das Rentenalter gesund und finanziell halbwegs abgesichert erreicht, dem steht die Welt wieder offen. Irgendwo im Internet wurde mir ein Poster angeboten: „Ich bin im Ruhestand. Ich muss nichts!“ Und daher fällt es leicht, den Bogen 50 Jahre zurück zu schlagen: „Ich habe Pläne, ich kann alles!“
Als der junge Magdeburger bei der Siegerehrung in Paris seine Gefühle nicht zurück halten konnte, da konnte man spüren: Der hat sein Leben im Griff und seine Leistung erarbeitet.
P.S.: Das Aufmacherfoto ist von der WordPress K.I. erzeugt – als „Prompt“ galt der Titel meines Posts. Mir lag kein eigenes Foto zum Thema „Unglücklich“ vor.
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Und ihr hattet das Glück, dass alles noch schwarz-weiß war 😉
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Irgendwie war unsere Welt tatsächlich schlichter gestrickt. Wenigstens sahen wir häufiger Licht als schwarz. Aber das änderte sich Anfang der 80er langsam.
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Da bin ich aber froh, dass ich gerade 60 geworden bin. Grins. Ich erinnere mich in den frühen Achziger-Jahren an eine ganz ähnliche Stimmung, wie sie heute verbreitet ist. Waldsterben, Kalter Krieg, Aidspandemie,… Das scheint also in Wellen zu kommen und hoffentlich wieder zu gehen.
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Die Welle Anfang der 1980er Jahre habe ich auch genauso erlebt – wir sind dann nach Südindien umgezogen. Kurz vor unserer Rückkehr nah D kam Tschernobyl. Auch nicht gerade ein Stimmungsreißer. Aber dann gab es ja CD-Player und Einkaufstempel, die uns aus Indien kommend schwindeln ließen. Übrigens Glückwunsch, Marco 🙂
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