Das indische Talent

Neulich in Panjim: Wir saßen bei Tee und frischen Croissants im Cafe Aunt Maria und beobachteten das Treiben vor den großen Glasfenstern.

Autos parkten ein, ein Parkwächter (gelber Pfeil links) kassierte ab, Fußgänger kamen ab und an vorbei.

Dann passierte etwas (und dazu gibt es keine Fotos, da wir zu sehr mit dem Geschehen beschäftigt waren), was in eine Folge der „Mr. Bean“-TV-Serie gepasst hätte: Drei erwachsene Personen kamen über die Straße auf einen japanischen Kleinstwagen zu, der in der zweiten Reihe angehalten hatte. Hinter ihnen ein Mann mit einer Matratze auf dem Kopf. Sie war brandneu, in Folie verpackt und wohl gerade im gegenüberliegenden Fachgeschäft (gelber Pfeil rechts) erworben worden.

Einer öffnete die Heckklappe, der Matratzenverkäufer schob die Ware von hinten in den Wagen hinein und presste den überstehenden Rest der Matratze so runter, dass die Heckklappe zuging. Sah alles gut aus.

Doch dann kamen den Käufern wohl Zweifel, denn die drei mussten ja auch noch in die kleine Kiste passen. Die Fahrerin war im Auto sitzen geblieben, ihr lag die Matratze im Genick. Dasselbe hätte für den Beifahrer gepasst, blieben aber immer noch zwei Fahrgäste übrig. Guter Rat wurde teuer, zumal der Verkäufer glaubte, sein Job sei erledigt. Raus mit der Matratze, die Fahrgäste setzten sich auf den Rücksitz. Jetzt passte die Matratze aber nicht mehr über ihre Köpfe. Aussteigen, die Matratze erneut einführen, dann versuchen auf den Rücksitz zu gelangen. Unmöglich.

Wir wurden durch unseren Bezahlvorgang abgelenkt, aber als wir draußen waren, hatte sich das Problem der vier Fahrgäste und einer Matratze in einem Kleinwagen immer noch nicht gelöst. Wir fuhren weg und ließen die diskutierende Gruppe hinter uns. Unser Fahrer fand die ganze Situation gar nicht so zum Lachen wie wir. „Indian talent!“ kommentierte er das Geschehen. Er könnte Urheberanspruch für den Begriff erheben, denn in zwei Worten beschreibt er die indische Begabung, mit Improvisation aus unvorhergesehenen Situationen heraus zu kommen.

Was bei uns mit rationaler Planung und verschiedenen Szenarien angegangen würde, bleibt hier dem Moment überlassen. Wer von uns würde eine Matratze kaufen und beim Einladen erkennen, dass sie gar nicht zu transportieren ist.

Für das indische Talent, ad-hoc-Lösungen zu finden, wo unsere Rationalität versagt, könnte ich Dutzende Stories beitragen. In einem Land, in dem das Unvorhersehbare die Regel ist, entwickeln die Leute ein Talent, irgendwie Lösungen zu finden – die bei uns Lachen oder Kopfschütteln auslösen. Aber auch beim Outsourcen gilt es, „indisches Talent“ mit unserer Logik so zu verknüpfen, dass eine effiziente Lösung rauskommt.

Ich tippe, dass die in Panjim so aussah: Zwei Erwachsene zwängen sich auf den Beifahrersitz, mit der Matratze im Nacken. Die Fahrerin sowieso. Der vierte legt sich auf den Rücksitz, und los geht’s. Woher ich das weiß? Vielleicht der Inder in mir.


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Ein Gedanke zu “Das indische Talent

  1. Ja, wirkt manchmal etwas irre, aber irgendwie auch gesund. Wenn man sich das nur in Deutschland vorstellen würde, da wäre die Matratze immer noch nicht zu Hause oder dreimal teurer oder dreimal später.

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