Der Flug der Turbane

Gefühlt jeder zweite Mitreisende auf unserem jüngsten Flug von Delhi nach London trug einen Turban. Für die Sikhs aus der indischen Hauptstadt und dem Punjab scheint dieser Tagesflug beliebt, ethnisch nicht-indische Fluggäste auf dem British Airways-Flug zählten maximal ein Dutzend. (Das Aufmacherfoto hat die K.I. von WordPress generiert, die Turbane an Bord waren nicht ganz so bunt.) Dank eines unschlagbar humorvollen britischen Flugbegleiters, zuständig für unsere Sitzreihe, wurden die gut neun Stunden an Bord zu einem kurzweiligen Erlebnis zwischen indischem Drama und britischer Leichtigkeit. Aber der Reihe nach.

Aufgrund meiner Muskelerkrankung musste ich auf der Indienreise den Rollstuhlservice der Airlines in Anspruch nehmen. Das öffnet ganz neue Perspektiven des Reisens, manchmal zum Lachen, manchmal zum Heulen – aber immer mit großer Dankbarkeit für die guten Geister, die sich von Flugzeugtür bis zum Taxi-Stand um mich kümmern. Und so gesellte ich mich am Gate mit 16 anderen Rollstuhlfahrern (gezählt von meiner Frau!) zu einer Kolonne, die dann an die Flugzeugtür gerollt wurde. In Deutschland eine kaum vorstellbare Szene, sozusagen ein Pflegeheim auf Reisen.

Nach dem Start flog das Flugzeug über die beiden Punjabs der Nachbarländer Pakistan und Indien und bog parallel zum Indus nach Südwesten ab. Über Multan legten die Piloten eine 45 Grad-Kurve nach Nordwesten hin, sie hatten die Überfluggenehmigung für Afghanistan erhalten, wie sie später mitteilten. Niemand an Bord scherte das.

Das Servicepersonal an Bord gab sich alle Mühe, den Wünschen nach „Water!“ nachzukommen. Indische Reisende scheinen unterwegs einen kaum stillbaren Durst zu verspüren. Uns fiel gleich der große Stewart auf, Typ Bill Nighy mit dunkler Stimme und feinstem englischen Akzent. „I am deeply sorry I can’t offer you another seat. We are fully booked“ sagte er in umwerfend bedauerndem Ton der Dame auf der anderen Seite des Ganges, deren mitgebrachter Kopfhörer nicht in die Buchse des Sitzes passte. Man spürte sein tiefes Mitleid mit der kaum erträglichen Unpässlichkeit. „Anything I can offer you for drink? Chai? Certainly!“ Alle wollten Chai. Als er zu uns kam, wollten wir wissen, was der Unterschied zum „Tea“ sei, der ansonsten angeboten wurde. „None“ meint er, „Just English Breakfast Tea with more sugar and milk.“ „They love it“ fügte er lakonisch hinzu. Wir konnten uns das Lachen nicht verkneifen. Die Dame in der Reihe vor uns wollte auch Chai, mit noch mehr Zucker, als er anbot. „You must have a wealthy dentist“ scherzte er (mir fiel fast der Kaffee aus der Hand).

Dramatisch wurde es beim Essens-Service. Ein Teil der Passagiere hatte über die Webseite der Airline vegetarisches Essen bestellt, die anderen hatten den Hinweis übersehen. Es gab bei Weitem zu wenig vegetarische meals. „Chicken anyone?“ bot eine Kollegin das non-vegetarian meal an, fast verzweifelt. „It’s a mess“ gestand sie uns gegenüber. Dabei hatte die Airline einen exzellenten Caterer in Delhi, das Essen schmeckte sehr gut.

Unser Stewart spielte untröstlich. Einigen riet er, sich doch auf die Reis- und Dal-Beilage zu konzentrieren und das Hühnchen zu ignorieren. „You might want to eat the roti and the crackers.“ Die Zahl der Entschuldigungen stieg ins Unermessliche, und das „Thank you indeed“ für die indische Nachsicht für britische Fehlplanung klang durchaus echt.

Die zwei täglichen Delhi-Flüge der Airline schienen nicht zur Lieblingsschicht des Personals zu gehören. „You can survive it only with humor“ meinte unser Stewart zum Abschied, als auch der letzte Rollstuhl-Gast die Kabine verlassen hatte. Wir erreichten London fast eine Stunde früher als geplant, da die Route über Turkmenistan und das Kaspische Meer kürzer als die südliche Strecke ist. Aber in Heathrow war man gut vorbereitet: Kaum einer der Turban-Träger blieb im Vereinigten Königreich, sie wurden in Gruppen „Toronto“, „Montreal“ oder „Vancouver“ zusammen gefasst und kollektiv zum jeweiligen Gate geführt. Kanada hat die größte Sikh-Bevölkerungsgruppe außerhalb des Subkontinents. Und British Airways scheint die bevorzugte Fluggesellschaft für sie zu sein.


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2 Gedanken zu “Der Flug der Turbane

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