Mitten zwischen den Äckern im Elbtal südlich von Magdeburg fand man Anfang der 1990er Jahre eine kreisrunde Struktur, die nur aus der Luft zu erkennen war. Dann begannen Archäologen der Universität Halle-Wittenberg in der Nähe des 700-Einwohnerdorfes Pömmelte zu graben und fanden Fundamente von Pfählen in konzentrischen Kreisen. Und mehr, wie im Salzlandmuseum im benachbarten Schönebeck zu sehen ist:




Hätte es damals WhatsApp gegeben, die Baumeister in Pömmelte hätten in Stonehenge im Süden Englands nachfragen können, in welcher Richtung zum Beispiel Sommer- oder Wintersonnenwende liegen. Denn die bauten ihren Steinkreis zeitgleich. Und im Urlaub in Ägypten hätten sie beobachten können, wie die Cheops-Pyramide hochgezogen wird. Aber wir leben in der frühen Bronzezeit, so um 2500 oder 2300 v. Chr., da war man im heutigen Sachsen-Anhalt froh, das Jahr zu Überleben.

Das Ringheiligtum bei Pömmelte ist heute rekonstruiert und zu einem sehenswerten Ausflugsziel ausgebaut worden. Von der Hauptstraße von Schönebeck nach Barby fährt man auf einem geteerten Weg zwischen den Äckern hindurch und landet auf einem Parkplatz samt hypermodernen Dokumentationszentrum, alles mitten auf dem Feld. Die Pfahlkreise und Rundwälle sind nachgebaut, von einer Aussichtsplattform gewinnt man einen Überblick über die Anlage.




„Gut 2 Millionen € sind hier investiert worden,“ sagt die Betreuerin des Zentrums. Ganz sicher lohnenswert, auch wenn die Anlage einen starken Kontrast zum verfallenden Hof bildet, den der Besucher am Weg zum Ringheiligtum passiert. Sie lud uns gleich zum Frühlingsfest am 21. April ein, gestern sind wir wieder hingefahren. Eine Band spielte vor dem bronzezeitlichen Hintergrund mittelalterliche Weisen.


Aber diese „Kathedrale der Bronzezeit“, wie einer der beteiligten Archäologen die Anlage bezeichnet, war nicht nur eine Sonnenstands-Warte. Sie diente auch als Kultstätte, samt mehrerer Menschenopfer. Dazu hatten die Archäologen in einem Grab die Skelette von Frauen und Kindern entdeckt, die gewaltsam ums Leben gekommen waren. Opferungen, auch die von Menschen, waren in jener Zeit nicht unerhört. Immerhin war auch der Zeitgenosse Abraham im Nahen Osten bereit, seinen Sohn zu opfern (bevor er von der Gottheit daran gehindert wurde). Nebenbei: Wer hier vorschnell über die Zivilisation der frühen Bronzezeit richtet, an die Menschenopfer von Bucha oder im Süden Israels kamen unsere Vorfahren nicht ran.
Steinplatten im Rasen markieren heute besondere Fundorte. Um die Anlage herum wurden Spuren dutzender Langhäuser identifiziert, das Heiligtum war also besiedelt, ja sogar eine „Metropole“ mit über 500 Einwohnern – über Jahrhunderte. Irgendwann, wohl um 2050 v. Chr. aber wurde es bewusst zerstört. Darauf deuten die Brandspuren in den Fundamenten der Pfähle hin. Zog man weiter? War man zivilisatorisch weiter? Um 1600 v. Chr. entstand immerhin weiter Saale aufwärts die Himmelsscheibe von Nebra, ein außergewöhnliches Werk von Handwerkskunst und astronomischem Wissensstand seiner Zeit (zu sehen im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle).
Man ist heute in Sachsen-Anhalt stolz auf diese Spuren früherer Zivilisation an Elbe und Saale, die in Mitteleuropa einzigartig sind. Günstige Bodenverhältnisse und ein warmes Klima scheinen dabei Faktoren gewesen zu sein. Aber man sollte auch bedenken, dass weiter weg – in den Flussniederungen von Tigris und Indus – ganz andere zivilisatorische Errungenschaften zur gleichen Zeit existierten: hochentwickelte Städte mit öffentlichen Bädern (Mohenjo Daro im heutigen Pakistan), Staaten mit Regierung und Schrift (Susa und Elam im Iran und östlichen Irak).
Regionen, die heute von Kriegen und Armut geprägt sind, als Vorreiter unserer Zivilisation – das lässt einen selbst an den Himmelswegen in Sachsen-Anhalt staunen.
Himmelswege.de Webseite der archäologischen Tourismusroute in Sachsen-Anhalt
Pömmelte auf der Webseite des Salzlandkreises
Pömmelte auf der Webseite von Sachsen-Anhalt Tourismus
Salzlandmuseum in Schönebeck auf der Webseite des SLK
Webseite des Landesmuseums für Vorgeschichte in Halle/Saale
Entdecke mehr von Full Circle
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Again, what learned, danke 😉
LikeGefällt 1 Person
Gerne! Das unscheinbare Sachsen-Anhalt birgt viele Geheimnisse – sind auch von Berlin aus schnell zu erreichen 🙂
LikeGefällt 2 Personen