Man müsse nur 30 cm Boden abtragen, dann käme er zum Vorschein, erklärte der Vereinsvorsitzende einem Besucherpaar: Unter der Wiese am Schloss Hessen lag im 17. Jahrhundert einer der schönsten und kunstvollsten Parks zwischen Bremen und Dresden! Heute stehen dort ausladende Bäume an einem Wassergraben. Vom barocken Park sind keine Spuren zu sehen.



Das Städtchen Hessen und sein Schloss liegen an der Grenze von Sachsen-Anhalt zu Niedersachsen. Hier war DDR-Sperrgebiet und so weckte niemand das teilweise verfallene Schloss aus seinem Dornröschen-Schlaf.
Auf einem 370 Jahre alten Kupferstich ist die Gärtnerkunst im 17. Jahrhundert zu erkennen, die heute unter dem Rasen verborgen liegt. Park und Schloss Hessen waren ein Refugium der Herzöge von Braunschweig-Wolfenbüttel. Seit den 1990er Jahren kümmert sich ein Förderverein in der Kleinstadt um Restauration der Schlossgebäude und um eine Rekonstruktion des Parks, damals auch „Lustgarten“ genannt.

Der Förderverein Schloss Hessen e.V. hatte an einem sommerlich warmen Aprilsonntag zu „Flohmarkt und Schlachterfrühstück, Kuchen zum Ausklang“ auf dem Gelände des in Teilen restaurierten Schlosses eingeladen.

Im Schlosshof waren einige Stände für Krimskrams aus der Nachbarschaft aufgebaut. Eine Freilichtbühne an einem halb zerstörten Flügel des Schlosses dient zuweilen für Openair-Konzerte („Rock am Schloss“).

In einer aufwendig restaurierten Halle in einem anderen Flügel des Schlosses sitzen die Einwohner des kleinen Städtchens an Tischen mit Stühlen, die für lange Workshops oder lokale Parteitage vorgesehen scheinen. Der Saal war dafür technisch perfekt ausgestattet. Heute treffen sich hier Handwerker und Rentner bei Flaschenbier oder Kaffee und angeregter Unterhaltung über die Alltagsfragen an der Peripherie Sachsen-Anhalts.

Die historische Bedeutung des Ortes im 16. und 17. Jahrhundert machten Fördergelder zu Erforschung und Restauration von Schloss und Park locker, von Land, Bund und EU. Der lokale Förderverein hat über die vergangenen 20 Jahre dazu zivilgesellschaftlich viel Engagement beigetragen. Seine Webseite (gehostet auf WordPress-Servern) stellt die vielen Anstrengungen und Projekte dar.
Webseite Förderverein Schloss Hessen e.V. – schloss-hessen.de





Während die Reparatur und Instandhaltung von Gebäuden kein grundsätzliches bautechnisches Problem darstellt, ist eine Rekonstruktion des Gartens von viel größerer Herausforderung.




Die Anlage des berühmten Gartens nördlich der Schlossgebäude ist mit dem Namen Johann Royer verbunden. Er wurde 1607 zum fürstlichen Gärtner in Hessen ernannt und erforschte Nutzpflanzen ebenso wie die Flora des Nordharzes. Seine Beschreibung des Gartens und der Kupferstich von Merian bilden die Grundlage für eine digitale Rekonstruktion des Parks. Damit wurde das Fraunhofer-Institut für Fertigungsmesstechnik und -autmatisierung in Magdeburg beauftragt. Das Fraunhofer IFF erstellte zusammen mit dem lokalen Förderverein ein 3D-Modell. Es lässt sich über einen speziellen Bildschirm projizieren und ermöglicht „Flüge“ über den Park.


Für 15 Uhr war eine Vorstellung des Films angekündigt. Der Vorsitzende des Fördervereins erläuterte uns, wie der Film gemacht worden war. Zugleich wies er auf einige Defekte bei Projektion und Akkustik hin. So saßen wir auf einer kleinen Tribüne vor einem IMAX-Bildschirm, der jedem Disneyland zu Ehre gereichen würde, und „flogen“ in einer halben Stunde über den Garten hinweg (auch wenn die Barockmusik im Gesprächslärm der Bürger unterging). Macht nichts, wie sind ja nicht in Herrenchiemsee oder Sanssoucie, sondern in einem Niemandsland von Hochkultur. Die Geheimnisse Sachsen-Anhalts verbergen sich manchmal nur 30 Zentimeter unter der Oberfläche.
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