Übungen in Objektivität

Sind die Auslandschinesen fünfte Kolonne Pekings? Ist Kritik an Israels Regierung Antisemitismus? Sind die Deutschen faule Trittbrettfahrer, die den Amerikanern ihre teuren Autos verkaufen und sich im Wohlfahrtsstaat ausruhen? Ist der Bauernverband von Rechten unterwandert?

Nichts ist dieser Tage schwieriger, als objektiv zu sein. Was sind die Fakten, was ist persönliche Meinung? In meiner journalistischen Ausbildung habe ich gelernt, das schon mal in den Textformen strikt auseinander zu halten. Es gibt die Nachricht, den Bericht, die Reportage, das Feature, den Kommentar, die Glosse. Aber es geht um mehr: Was sind wissenschaftliche Methoden, wie gewinnt man Erkenntnisse, die allseits (eben objektiv) als Fakten anerkannt werden? Das sollte auch schon in der Schule, spätestens im Grundstudium in der Wissenschaftspropädeutik gelehrt und gelernt werden.

Ich erinnere mich an die Einübung der dialektischen Erörterung in unserem Deutschunterricht. Thesen, Gegenthesen, Synthese. Das führt zu einer halbwegs nachprüfbaren Objektivität von Aussagen. Unser Deutschlehrer in einem humanistischen Gymnasium in Südwestfalen brachte uns Jugendlichen „vom Land“ klassische Bildung bei, vor allem aber die Methodik zu objektivierbaren Aussagen zu kommen. In einem alten Schulheft fand ich zum Beispiel folgendes Thema bei einer Klassenarbeit: „Inwieweit billigen Sie Kreons Staatsauffassung, wodurch können Sie demgegenüber Antigones und Haimons Einstellung rechtfertigen?“

Der klassisch gebildete Leser wird vielleicht erkennen, dass es hier um die Tragödie „Antigone“ in der Fassung des französischen Schriftstellers Jean Anouilh geht, der das Stück unter deutscher Besatzung schrieb. Bis heute Standardlektüre im Deutschunterricht der Gymnasien. Es geht kurz gesagt um Macht, Autorität und deren Legitimation (personifiziert durch Kreon, dem König von Theben im alten Griechenland) versus einem humanistischen Staatsverständnis. Antigone, die Nichte Kreons, zahlt dafür mit ihrem Leben. An ihrer Seite steht Haimon, ihr Verlobter und Sohn Kreons. Wir Schüler sollten die Argumente beider Seiten in diesem Konflikt im Herrscherhaus herausarbeiten, gegenüberstellen und zu einer Synthese zusammenfassen. Bei mir klang das leicht verkürzt so:

„Gewiß haben sowohl Antigone und Haimon als auch Kreon berechtigte Gründe für ihre Staatsauffassung. … Jedoch spielen auf beiden Seiten auch subjektive Meinungen eine Rolle. Antigone möchte als eine Art Heldin erscheinen. Sie hat sich mit dem Tod (für ein Gesetzesvergehen) abgefunden, braucht daher kein Blatt vor den Mund zu nehmen. Haimon will zwar das Beste für seinen Vater und ist auch ein guter Diplomat, vergißt aber, dass sein Ideen zu theoretisch sind. Kreon, als erfahrener Staatsmann, will keine Lehren annehmen. … Im Grunde will er nur seine Macht behaupten, wenn möglich noch stärken. Der Ideal-Staat bleibt also weiterhin ein Traum, wäre höchsten zu verwirklichen, wenn beide Parteien einen Kompromiß schlössen – ein Wunsch, der dem thebischen Volk zugute käme. Diese Ziel sollte sich jeder Politiker setzen, nicht nur in der Antike, sondern auch heute.“

Es gab die Note „befriedigend“ für den Aufsatz (ich war da gerade 16 Jahre alt). Relevanter ist, dass wir in jungen Jahren einübten, aus einer Textquelle die unterschiedlichen Aspekte herauszuarbeiten, und erst dann in der Synthese zu einer „Meinung“ zu kommen.

In meinem Verständnis ist auch der Journalismus diesen Grundsätzen verpflichtet. Er muss allerdings objektive Fakten stilistisch auf ein Leserpublikum auszurichten. Er muss zuspitzen, wie es so schön heißt. Dabei fallen einige Fakten oder eine Differenzierung unter den Tisch, zwangsweise und nicht notwendigerweise aus Intention.

Und der Journalist arbeitet im for profit-Bereich, was ihn vom universitären Arbeiten unterscheidet – gravierend! Online-Publikationen finanzieren sich zu großen Teilen aus Werbung, je höher die Klick-Zahl, je attraktiver für Werbekunden. Das zwingt den Redakteur zur Auswahl von reißerischen Themen und Headlines – Objektivität ist schwer zu garantieren. Was ist wirklich relevant für die Beurteilung und Orientierung in der alltäglichen Realität, Gaza oder das Dschungelcamp? Streiks oder Klimakleber? All das geschieht unter immensem Zeitdruck, genau das Gegenteil, was sorgfältige Recherche eigentlich bräuchte. Bei den sozialen Medien regiert sowieso ausschließlich der Algorithmus.

So kommt es zu andauernden Schnellschüssen, Aufregern, Clickbaits und von woanders kopierten Headlines. Ohne Medienkompetenz der Nutzer und ohne solide schulische Bildung stehen die Gesellschaften der westlichen Demokratien vor einem Abgrund. Um es im Sinne Anouilhs zu sagen: Wollen wir lieber einen Kreon, einen Herrscher mit starker Hand, der vorgeblich zum Wohle des Volkes arbeitet, oder ein pluralistisches System basierend auf humanistischen Werten, das seine Stärke aus einer zugegeben anstrengenden Konsensbildung bezieht?


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