Philosophisches aus dem 41. Stock

Tief unter mir, gleich neben meinem Bett, blinken die Lichter der Großstadt. Von hier oben sieht die Stadt aus wie das Modell der Architekten unten in der Hotellobby: kleine Autos fahren unter hübsch aufgereihten Bäumchen umher. Alles überragt von einem Turm ähnlich wie einst in Babel, mit Luxusapartments, Shopping Malls, Fitness Centers und Pool-Landschaften – man braucht kein Auto, weil man den Klotz garnicht verlassen müsste. Auch ein Lebenskonzept – so müssen sich wohl die Leute auf den großen Kreuzfahrtschiffen fühlen.

Als Kind vom Dorf träumte ich oft davon, eine kleine Wohnung hoch über einer Metropole zu haben. Von dort sähe die Welt bestimmt anders aus. Sie würde sich unendlich weit erstrecken, Konflikte und Intoleranz im Häusermeer verschwinden und jeder ginge seines eigenen Weges, wie es ihm gefalle.

Ich bin aus dem wunderschönen Norden Thailands zurück an der Straße von Malacca. Vom Bett sehe ich die Tanker auf der Reede vor Tanjung Kling, die Öl aus Sabah und Sarawak für die Raffinierie in Melaka anliefern. Malaysia ist energie-autark und kann sich einen Benzinpreis von nur 0,45 € leisten – alles andere als CO2-neutral. Das Land ist „Autoland“, von dem man in Wolfsurg, Böblingen oder München träumen mag. Weiter hinten am Horizont ziehen die großen Containerschiffe ihre Bahn, zwischen Hamburg und dem Perlflussdelta. Dort wird der Weihnachtsschmuck für nächstes Jahr schon produziert, die Einkäufer von unseren Discountern waren sicher schon in Shenzen und Shanghai unterwegs.

Gestern Morgen schickte mir die Verwaltung meines serviced apartments per WhatsApp-Gruppe Instruktionen zum Bezug der Wohnung im 41. Stock. Mit einem Set elektronischer Schlüssel in Geldbeutelgröße fuhr ich ins Parkhaus in den 5. Stock. Dort fand ich den Lift zu den Apartments, es knackte in den Ohren bei der Fahrt zu den restlichen 36. Stockwerken. Mit dem zweiten elektronischen Schlüssel öffnete sich die Tür zum Apartment (Open, sagte eine elektronische – weibliche – Stimme). Zwischen Bettkante und dem Abgrund liegt nur ein winziger Balkon. Wer setzt sich zu einer Tasse Kaffee auf diesen winzigen Fleck im Luftraum über der Stadt?

Meeresstraßen haben es ja gerade wieder in sich: diesmal nicht die von Hormuz oder die Taiwan-Straße, sondern Bab el-Mandeb (ohne die auch der Suez-Kanal nutzlos ist).

Ich bin froh, das hier keine Drohnen auf die Schiffe fliegen oder Piraten die Ozeanriesen entern (letzteres gab es tatsächlich vor einigen Jahren auch in der Straße von Malacca). Aber irgendwie erinnert alles an das 16. und 17. Jahrhundert, als europäische Mächte überall auf dem Globus Forts an den Küsten bauten und Kanonen aufs Meer ausrichteten, um gegnerische Schiffe vom lukrativen Fernhandel abzuhalten. In Süd- und Südostasien sind sie immer noch Zeugen jener Geschichte, als die Eliten in Amsterdam oder Paris ganz scharf auf Porzellan waren oder ihre Speisen mit mehr als nur Salz würzen wollten.

Für einen Moment und bei einer Tasse Instantkaffee kann man von hier oben träumen, dass da unten alles gut läuft.


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3 Gedanken zu “Philosophisches aus dem 41. Stock

  1. Danke für die Eindrücke, zeigt es doch dass es doch so viel mehr und anderes auf der Welt gibt, gerade wenn wir Deutschen/ Europäer doch so gern auf uns schauen

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