Echos der Vergangenheit

Geschichte ist die Gegenwart von gestern. Sie ist kein Hobby für Bildungsbürger und Pensionäre, sondern hilft die Gegenwart besser zu begreifen. Hier in Malacca kreuzt sich die Geschichte Ost- und Südasiens mit der in Europa. Man spürt das an allen Ecken und Enden der Stadt.

In der Kirchenruine oben auf dem St. Paul’s Hill (heute: Bukit Melaka) lehnen sich Grabsteine ans Gemäuer. Einer trägt einen Totenkopf, als sei hier ein Pirat begraben. Aber mein Schullatein und Google Translate helfen weiter: „Hier liegt der Herr Petrus von der Gesellschaft Jesu begraben, der zweite Bischof von Japan. Er starb in Singapur im Februar Ann0 1598.“

Jesuiten, Japan, Singapur? Man reibt sich die Augen. Wer in deutschen Landen hätte damit 1598 etwas anfangen können. Es sind Spuren Portugals am anderen Ende der Welt. Im 16. Jahrhundert reichte das Estado da India von Japan über Macao, Malacca und Timor bis Kochi und Goa.

Zwischen 1492 und etwa 1521 – in knapp 30 Jahren – veränderte sich die Welt so rasant, wie wir das heute unter dem Einfluss von K.I. wahrnehmen. Alles wurde in Frage gestellt, das Weltbild (hier wörtlich) änderte sich schneller, als an den europäischen Universitäten Karten neu gezeichnet werden konnten. Noch war die „Welt“ gar nicht in Umrissen bekannt, da wurde sie durch die Europäer schon aufgeteilt: Der Borgia-Papst Alexander VI. legte schon 1494 in einem Vertrag fest, dass entlang eines Meridians im Atlantik der westliche Teil des Globus Spanien gehörte, der östliche Portugal (das mit Brasilien einen Teil Südamerikas erwischte). Selbstverständlich alles zu Ehren der Kirche und des Seelenheils all der Ungläubigen weltweit. Das alles geschah weit weg vom Alltag der 99 %. Aber mit der schnellen Verbreitung durch gedruckte Medien konnten sich die 1 % ein Bild der Welt machen, in Klöstern, Studierstuben und an den Höfen Europas und ihre Geopolitik entwickeln.

Und dann platzt mitten in die Welt der Händler aus ganz Asien das europäische Sendungsbewusstsein, buchstäblich als Kanonendonner. So geschehen in Malacca im Jahr 1511. Michelangelo stellte in Rom gerade das Deckengemälde in der Sixtinischen Kapelle fertig – es war die Blüte der Renaissance. Martin Luther war in eben diesem Jahr auf seiner Pilgerreise in Rom. Michelangelo hat er nicht getroffen, aber die römische Dekadenz – wie das einem braven Mönch aus deutschen Landen vorkam – beeinflusste dann sechs Jahre später die Weltgeschichte. Im Fernen Osten blühte der Handel zwischen China, Indien und bis zur Levante und Venedig. Das Sultanat von Malacca war auf dem Höhepunkt seiner Macht und seines Ansehens. Ein gut geordnetes Staatswesen, das bei der internationalen Händlerschaft aufgrund klarer Regeln und Gesetze für den monatelangen Aufenthalt zwischen den wechselnden Windrichtungen beliebt war. Woher wir das wissen? Von keinem Geringeren als einem Portugiesen, Tomé Pires, der von 1512 bis 1515 in Malacca eine „Suma Oriental“ schrieb. 

Kabinettssitzung und Audienz im Sultanspalast von Malacca (Darstellung im Palace Museum)

Da tauchten im Juli 1511 schwer bewaffnete Schiffe auf der Reede vor der Flussmündung auf. Der Oberbefehlshaber seiner Majestät in Lissabon, Alfonso de Albuquerque, hatte den Auftrag, Geiseln, die seit einem ersten Besuch 1509 hier aushielten, frei zu handeln. Damals hatte eine Erkundungsmission eines gewissen Diego Lopez de Sequeira in hastiger Flucht geendet, weil der versammelten Kaufmannschaft schwante, dass sich die Eroberungen in Indien hier wiederholen würden. Die Geiseln wurden frei gekauft und damit war das Schicksal des Sultans und seiner Administration besiegelt. Malacca wurde kurzerhand erobert. Das Recht des (waffentechnisch) Stärkeren hatte gesiegt. Den beiden Eroberern sind heute noch Straßennamen gewidmet.

Unterhalb des historischen Hügels an der Mündung des Malacca-Flußes liegt die Porta de Santiago. Sie ist letzter baulicher Rest der portugiesischen Festung, aber auch das nicht mehr ganz.

Kaum noch erkennbar ist über dem Torbogen „Anno 1670“ aufgetragen, darüber ein Handelsschiff seiner Zeit, links ein Kaufmann mit einer Palme in der Hand, rechts ein Soldat in voller Rüstung, auf seinem Schild das Emblem der Vereinigten Ostindischen Handelsgesellschaft (VOC) der Niederlande. Unsere heutigen Nachbarn in der EU nahmen den frommen Herren aus Lissabon den größten Teil der asiatischen Besitzungen einfach ab, 1641 Malacca mit Gewalt, versteht sich.

Webseite von Sabri Zain „Sejarah Melayu“ mit vielen historischen Informationen zur Region Malaya

Gegen 9 Uhr morgens verlaufen sich chinesische Touristen auf dem historischen Hügel an der Mündung des Malacca Flusses. Einer bittet mich, ihn vor einer Statue zu fotografieren, die er für einen geschichtlichen Helden hält. Er stamme aus Wuhan, Central China, sagt er und bedankt sich. Die Marmorstatue stellt allerdings weniger einen Helden als einen Heiligen der katholischen Kirche dar: Francesco de Xavier. 

Malacca blieb auch unter portugiesischer Herrschaft der wichtigste Brückenkopf für den Handel zwischen Indien und China. Die neuen Herren übernahmen sogar die bewährte Verwaltungsstruktur. Handel braucht Regeln: Zölle, Umrechnungskurse für Währungen und Gewichtseinheiten zum Beispiel. So lagen die Dschunken aus dem Ming-Reich und die Dhows von der Malabarküste zu Dutzenden auf der Reede vor der Flussmündung. Die Kanonen der Festung drohten jedem Unbefugten mit Konsequenzen. Es muss eindrucksvoll gewesen sein, Schiffe aus ganz Süd- und Ostasien hier ankern zu sehen.

Frachter und Tanker auf der Reede vor Malacca, heute

Heute posieren die Nachfahren des Ming-Reiches vor den Kanonen an der einstigen Festung, aber wieder wollen sie ein „Reich der Mitte“ sein, dem Respekt gezollt wird (Malaysia hat visum-freies Reisen für Bürger Chinas eingeführt).

Unter den Soldaten Albuquerques in Malacca in jenem Sommer 1511 war übrigens auch ein gewisser Ferdinand Magellan (so sein Name in Spanisch). Der begann acht Jahre später in spanischem Auftrag eine Weltumsegelung westwärts, bei der er 1521 auf den Philippinen starb. Mit seiner Reise war der Globus als solcher empirisch belegt. Es galt „nur“ noch, sich schnell alles zu greifen. Das Gold aus Amerika und die Gewinnmargen aus Asien bereicherten die Iberische Halbinsel immens, wie jeder, der Kirchen und Klöster zwischen Porto und Barcelona besucht hat, bestätigen kann.

Daran wollten dann auch die Städte an Maas und Schelde teilhaben – und waren erfolgreich. Während sich in Mitteleuropa die Gegner im Dreißigjährigen Krieg massakrierten, blühte nebenan die Wirtschaft dank des Handels mit Asien. Während Rembrandt malte, wurden in Magdeburg Tausende abgeschlachtet und in Malacca chinesisches Porzellan für die Kunden in Maastricht eingekauft.

Die Flotten mit edler Fracht in der Straße von Malacca im 16. Jahrhundert sind heute vielleicht die Containerriesen im Roten oder die Getreideschiffe im Schwarzen Meer. Was vielmehr bedrückt ist, dass die grundlegenden Mechanismen von Reichtum und Krieg, von Macht und Ausbeutung im Jahr 2024 unverändert erscheinen. Krieg wird zum Normalfall.

P.S.: Zu Bauernprotesten in Deutschland. Die hatten wir im Südwesten schon 1524 ff. und sie endeten in mörderischer Gewalt. Wenigstens das wollen wir 500 Jahre später nicht hoffen.


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3 Gedanken zu “Echos der Vergangenheit

  1. Danke für den Beitrag und den letzten Satz. Die Bauernaufstände in 1500 kamen mir auch in den Sinn, also du von dem florierenden Leben und Handel dort in der Ecke schreibst

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      1. Stau wiederholt sich hier nicht, er ist quasi immer 😉
        Genieß es, immerhin ist es warm und die Sonne scheint

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