

Auf Sichtweite des gewaltigen Doms in Speyer liegt der Judenhof. Er bildete zu Beginn des 12. Jhds. das kultische Zentrum mit Männer- und Frauensynagoge und dem rituellen Kaltbad (Mikwe). Die Synagoge und der Dom wurden von denselben Baumeistern geplant und errichtet. Die Synagoge wurde am 21. September 1104 eingeweiht. Ihre Ruine ist heute noch erhalten und stellt den ältesten Überrest eines Synagogenhauses in Mitteleuropa dar (Zitat aus ‚Jüdische Gemeinde in Speyer‘ bei Wikipedia).

Ich musste beim Besuch des Museums und der Ruinen des Judenhofs – am Tag des Massakers in Israel – daran denken, wie lang schon jüdische Geschichte in Deutschland auch unsere Geschichte ist.



Zusammen mit Mainz und Worms bildeten Speyers Juden eine Art überörtliche Zweckgemeinschaft. Diese nach der hebräischen Abkürzung genannten SchUM-Städte wurden zum Kristallisationspunkt jüdischen Lebens in Deutschland. Die Rechte dazu wurden ihnen vom örtlichen Bischof und dem Salierkaiser Heinrich IV. (ja, der mit Canossa) eingeräumt. Sein Grab, wie die aller Kaiser seiner Dynastie, ist in der Krypta des nahegelegenen Doms. Wo jüdische Kultur blühte, blühten auch Handel und Wirtschaft. Wir schreiben 1084.



500 Jahre später waren die Juden aus Speyer und den anderen SchUM-Städten vertrieben, die religiösen Stätten verfielen. Heute sind die Zeugnisse aus dem Mittelalter UNESCO-Welterbe. Weitere drei Jahrhunderte später aber war das Judentum integraler Bestandteil des neuen deutschen Nationalstaats – trotz verbreitetem Antisemitismus im Deutschen Reich. Schließlich vernichtete Nazideutschland jüdisches Leben in Mitteleuropa in einem historisch unvergleichlichen Verbrechen. Rund 6 Millionen Menschen wurden ermordet, jüdische Gebetshäuser waren schon vorher zerstört worden.
Vor Ort: 9. November 1938 und heute. Reiners.blog, 8.11.2021
Buchenwald: Mordmaschine in Reichweite Weimars. Reiners.blog, 10.9.2018
Immer wieder stolpern. Fullcircle712.com, 8.11.2022
Im Deutschland des 21. Jahrhunderts blüht jüdische Kultur wieder auf und knüpft an ihre fast 1000-jährige Geschichte an. In Stadt und Land gibt es Tausende Erinnerungsorte an den Holocaust, von Bergen-Belsen bis zu den Stolpersteinen überall in Städten. Zum Deutschland des 21. Jhs. gehört aber auch der Islam. Moscheen, Synagogen und Kirchen nebeneinander, es wäre ein Symbol für Toleranz. Aber wenn ein Massaker an Bürgern Israels als Sieg gefeiert wird, dann bleibt noch viel Arbeit, Aufklärung und vor allem: Bildung!
Ich wohne in Wolfenbüttel, wo der bekannteste Vertreter des deutschen Humanismus aus dem 18. Jahrhundert, Gotthold Ephraim Lessing sein Ideendrama „Nathan der Weise“ schrieb. Jeder mit klassischer gymnasialer Bildung hat es wohl gelesen (oder lesen müssen) oder zur Ringparabel einen Aufsatz geschrieben. »Jud’ und Christ und Muselmann und Parsi, alles ist ihm eins.«, beschreibt der Muslim Al-Hafi seinen jüdischen Freund Nathan. Hauptsache Menschlichkeit, möchte man ergänzen.
Die neue Tragödie in der Region zwischen Mittelmeerküste und Jordantal, aber auch die entlang des Dnjepr, im Sudan oder in Myanmar lässt vermuten, dass wir den peak-Humanismus hinter uns haben. Der Abstieg in eine anarchische, mordende Weltordnung hat aber schon 1995 mit Sebrenica begonnen.
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Für mich als Nichtgläubigen völlig unverständlich, wie man sich für den Glauben die Köpfe einschlagen oder Raketen zum Nachbarn schicken kann. Klingt vielleicht kalt und distanzlos, mag sein. Kapiere ich trotzdem nicht.
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